EZintern

Angriff auf die Pressefreiheit

Journalisten sollen vor dem polnischen Staat kuschen

Ehemaliges Vernichtungslager Auschwitz in Polen

In einer Mail wurden heute deutsche Zeitungsredaktionen aufgefordert, die Konzentrationslager in Polen nicht "polnische Vernichtungslager" zu nennen, sondern "deutsche Vernichtungslager in Deutschland". Wer es genau nimmt, mag dem zustimmen. Aber die Art und Weise, wie der polnische Staat diese Sprachregelung durchsetzen will, ist ein Angriff auf die Pressefreiheit. Wir dokumentieren hier die Mail aus Polen - und die Antwort aus Emden.

Guten Morgen,

vielen Dank für Ihre Mail. Ich unterstütze im Prinzip Ihre Argumentation, lasse mir als Zeitung aber trotzdem nicht vorschreiben, wie ich die ehemaligen Vernichtungslager in Deutschland, in Holland oder eben in Polen zu benennen habe. Jeder weiß, dass die Vernichtungslager von Deutschen gegründet und betrieben wurden und dass die Verantwortung für den Holocaust bei Deutschland liegt. Über die Rolle Polens und der Polen bei einzelnen Aspekten der Judenverfolgung gibt es allerdings unterschiedliche wissenschaftliche Ansichten.

Niemand käme auf die Idee, dass beispielsweise der Begriff „das holländische KZ XY“ suggeriert, dass Holländer dieses Lager gegründet und betrieben haben. Er besagt nur, dass es eben um ein Lager geht, das seinerzeit auf holländischem Staatsgebiet lag. Da helfen auch Ihre semantischen Verrenkungen nicht, ob das Adjektiv "polnisch" nur geographisch oder auch inhaltlich-kausal verstanden werden könnte.

Insofern bin ich zwar rein inhaltlich weitestgehend bei Ihnen (vorbehaltlich neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse). Aber egal, ob Sie Recht haben oder nicht: Ihre Forderung dagegen lehne ich klar ab - und berufe mich auf die in Deutschland geltende Pressefreiheit. Dass diese in Polen offenbar durch Urteile und Strafandrohung außer Kraft gesetzt werden soll, ist einer Demokratie unwürdig und lässt mich fragen, ob in Ihrem Land die grundlegenden, unverhandelbaren Werte eines vereinten Europas noch Geltung haben oder nicht - und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

Mit freundlichen Grüßen

Stefan Bergmann

Chefredakteur Emder Zeitung.

Am 25.01.2019 um 12:13 schrieb stop-insults@anti-defamation.org.pl:

Warschau, 25. Januar 2019 

 

Die Polish League Against Defamation wendet sich zum bevorstehenden Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee mit einer Bitte an Ihre Redaktion.

 In der Vergangenheit sind mehrfach Artikel erschienen, in denen die Formulierungen wie „das polnische Vernichtungslager Auschwitz“ oder „das polnische Konzentrationslager Auschwitz“ verwendet wurden.  

 Nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 wurde Auschwitz im Gegensatz zu den meisten eroberten Gebieten vom Deutschen Reich direkt annektiert und wurde in die Provinz Schlesien eingegliedert. Während und nach der Errichtung des Konzentrationslagers Auschwitz wurde die dortige polnische Bevölkerung nach und nach deportiert und durch deutsche Siedler ersetzt. Anfangs wurden in Auschwitz hauptsächlich  gebildete Polen sowie polnische Widerstandskämpfer ermordet. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurden auch sowjetische Kriegsgefangene, später Roma und vor allem Juden ermordet.  

Obwohl viele der Konzentrationslager sich heute in Polen befinden, allen voran Auschwitz, waren diese Lager durch und durch nationalsozialistische deutsche Institutionen; sie wurden von deutschen Beamten und Soldaten betrieben um die wirtschaftlichen und politischen Ziele des Deutschen Reiches zu erfüllen. Dem gegenüber stehen Formulierungen wie „polnische Konzentrationslager“ oder „polnische Todeslager,“ die leider über die geographische Bedeutung herausgehen und suggerieren, dass diese Lager durch Polen (mit-)betrieben wurden. Dies ist natürlich völlig falsch.

 Anders als in vielen anderen Staaten wie zum Beispiel Frankreich, gab es in Polen keine polnische Regierung, die mit dem Dritten Reich kollaborierte. Die besetzten Gebiete wurden entweder direkt annektiert oder wurden Teil des von deutschen Beamten regierten Generalgouvernements. Die polnische Exilregierung, die zuerst in Frankreich und dann im Vereinigten Königreich ihren Sitz hatte, hatte auf die Geschehnisse  im besetzten Polen nur minimalen Einfluss. Gleichzeitig entstand in Polen ein Staat im Untergrund, der die deutsche Besatzungsmacht intensiv bekämpfte. Neben dem bewaffneten Kampf – der polnische Untergrundstaat war die größte Widerstandsorganisation im vom Reich besetzten Europa – schmuggelte der polnische Untergrundstaat wichtige Informationen in den Westen und warnte so die Welt mehrfach vor dem Holocaust. Gleichzeitig verfolgte dieser Untergrundstaat Polen, die mit den deutschen Besatzern kollaborierten – auch in der Sache der Judenverfolgung.  Viele von ihnen wurden noch während des Krieges exekutiert. Nach dem Krieg wurden polnische Täter weiterhin systematisch verfolgt.

 Im Generalgouvernement wurde Judenhilfe wie auch in anderen besetzten Gebieten unter Strafe gestellt. Allerdings wurden die Strafen immer wieder erhöht und waren in Europa wahrscheinlich beispielslos. Anfangs drohten zum Beispiel „nur“ Geldstrafen und Arrest, 1941 wurde dann die Todesstrafe für solche „Verbrechen“ eingeführt. Ein Jahr später wurde auch die Nichtanzeige von Judenhilfe mit der Todesstrafe belegt. Dies führte dazu, dass gesamte Familien (selbst Säuglinge und Greise!) öffentlich exekutiert wurden. Tausende Polen und die von ihnen versteckten Juden fanden so ihren Tod. 

Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass Formulierungen wie „polnische Konzentrationslager“ in der international Presse aber auch in der Wissenschaft als unangebracht angesehen werden. So schrieb Yad Vashem im letzten Jahr: “There is no doubt that the term ‘Polish death camps’ is a historical misrepresentation!” Einige Jahre vorher warnte der damalige Vorsitzende der Anti-Defamation League: “It is as if it’s too easy for people to go from that reality to the fact that the death camps were located in Poland — and to the conclusion that they were ‘Polish death camps.’”

 Aus diesen Gründen wollen wir Sie darauf aufmerksam machen, dass Formulierungen wie „polnisches Konzentrationslager Auschwitz“ irreführend sind. Präzise Bezeichnungen wie „deutsches Konzentrationslager Auschwitz“, „nationalsozialistisches Konzentrationslager Auschwitz“ oder „Konzentrationslager Auschwitz im besetzten Polen“ sind daher angebracht. Ähnliches gilt für andere nationalsozialistische Konzentrationslager, die in Polen aber auch in anderen europäischen Ländern errichtet wurden.

 Mit freundlichen Grüßen,

Polish League Against Defamation

 

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