Landkreis Aurich
Seelenbalsam  durch Shopping

Vorsichtiger Optimismus nach Geschäftsöffnungen

Ostfriesische Händler erleben vorsichtige und disziplinierte Kunden.

Von Peter Saathoff

Landkreis Aurich. Übervoll waren sie noch nicht, die ostfriesischen Einkaufspassagen, die Gewerbegebiete, die Anfang dieser Woche wieder öffnen durften. Zugleich waren sie aber mehr als nur die reine Möglichkeit, den Kleiderschrank frühlingsfit aufzufüllen oder defekte Kühlschränke zu ersetzen. Mit der vorsichtigen Öffnung von Geschäften mit einer Ladenfläche bis zu 800 Quadratmetern wagte die Politik einen Schritt Richtung Normalität in Zeiten der Corona-Pandemie. Einen vorsichtigen, gewiss. Aber immerhin einen ersten. Kunden und Geschäftsinhaber zahlten dieses Vertrauen mit diszipliniertem Krisenumgang zurück.

Etwa bei Expert-Bening im Gewerbegebiet Am Dreekamp in Aurich. Dort hatten Marktleiter Eilert Wilts und sein Team im Vorfeld einiges für die Zeit der Wiedereröffnung vorbereitet. Bauzäune schaffen einen Pfad für die Kunden in Richtung Elektronikmarkt, ein Zähler misst die Kundenanzahl im Geschäft. Bei 30 Kunden ist Schluss. Für den 31. gibt es einen Platz in einem Wartebereich vor dem Markt. „Die Kunden haben das sehr gut angenommen“, sagte Marktleiter Wilts auf Nachfrage des Sonntagsblatts. „Wir hatten zum allergrößten Teil keine Probleme.“ Die Resonanz sei „ordentlich“ gewesen. Schlangen, für die das Geschäft im Vorfeld den Wartebereich installiert hatte, hätten sich trotz der Einlassbeschränkungen nicht gebildet. „Rücksichtsvoll“ sei der Umgang im Geschäft gewesen. Kunden hätten die Abstände korrekt eingehalten und seien den markierten Wegen durch die auf rund 800 Quadratmeter halbierte Verkaufsfläche gefolgt.

Von einer rücksichtsvollen Kundschaft berichteten viele Gewerbetreibende. Etwa Ludwig Rudnick, der seinen Kunden in seinen Geschäften im Auricher Industriegebiet Süd, ein „vorbildliches“ Verhalten attestieren konnte. „Die Kunden haben sich am Eingang sofort die Hände desinfiziert“, sagte Rudnick. Jeder Zweite habe einen Mundschutz getragen. Eine ähnliche Zahl nannte Johann Kock, Geschäftsführer des Modehauses Silomon in der Auricher Innenstadt. Er sei „ungeheuer überrascht“ gewesen, wie positiv die Menschen auf die wiedergeöffneten Geschäfte reagiert hätten. „Die Menschen freuen sich einfach, dass wieder ein Stück Normalität einkehrt“, vermutet Kock. Die Kundenfrequenz sei zwar verhaltener als sonst, die Stimmung und das Verhalten der Kundschaft aber „vorbildlich“.

Diesen „ersten Schritt zur Normalität“ machte auch Udo Hippen, Vorsitzender der Auricher Kaufmannschaft, aus. „Für die Wirtschaft ist die Wiedereröffnung ein wichtiges Signal“, sagte Hippen. „Quasi ein Silberstreif am Horizont.“ Vor allem die Ungewissheit habe in den Wochen zuvor den Gewerbetreibenden das Leben sehr schwer gemacht. „Als dann die Nachricht über die Ladenöffnungen kam, fielen vielen Händlern Steine vom Herzen“, sagte Hippen. Jetzt gehe es aber darum, dass Händler und Kunden weiterhin diszipliniert mit der zurückgewonnenen Freiheit umgingen und es keinen erneuten Lockdown benötige. „Das haben wir selbst in der Hand.“

Ginge es nach Johann Wessels, Inhaber des gleichnamigen Großmarktes in Moordorf, kann Hippen in dieser Hinsicht positiv in die Zukunft schauen. „Der Kunde spielt mit.“ Wessels selber lenkt seine Kundenströme nicht nur durch Bodenmarkierungen, sondern auch mit Absperrungen durch das Geschäft.

Die Polsterei Hicken in der Gemeinde Großefehn hat zum Schutz von Kundschaft und Mitarbeiterin in die Nähmaschinen gehauen. Am Eingang hat Inhaber Manfred Hicken selbstgenähte Schutzmasken drapiert. „Die hatten wir schon einige Wochen vorher genäht“, sagte der Inhaber. „Die Menschen sind schon vorsichtig unterwegs“, erklärte Hicken, der „zufrieden“ auf die ersten Tage der Wiedereröffnung blickte.

„Zufrieden“, „ganz ordentlich“, „guter Anfang“: Die Worte unterscheiden sich, die Botschaft der verschiedenen Gewerbetreibenden ist aber die gleiche: In dieser Woche ging es langsam wieder los. Der Handel absolvierte einen ersten Schritt zur Normalität. Zum einen mag das am Sortiment liegen. So berichteten mehrere Gewerbetreibende davon, dass Garten- und Pflanzartikel besonders gut angelaufen seien, während Händler von weniger saisonalen Produkten Abstriche machen mussten. Einen weiteren Grund nannte Friedhelm Christians, Vorsitzender des Gewerbevereins Südbrookmerland. „Dass die Gastronomie noch geschlossen hat, macht auch uns Gewerbetreibenden zu schaffen“, sagte Christians. Die Kombination aus Shopping und einer Pause im Café sei „äußerst wichtig“. Dennoch sei er froh, seit Anfang dieser Woche viele Stammkunden wiedergesehen zu haben. „Die standen dann auf Abstand und winkten“, erzählte Christians. Da helfe die lokale Verwurzelung vieler Einzelhändler. „Ein Kunde erzählte mir, dass er mit seinem Ostergeschenk gewartet hätte, bis wir wieder öffnen durften“, sagte Christians.

Mit der Einschätzung über die Bedeutung der Gastronomie auf den Handel steht Christians nicht allein. So forderte Arno Ulrichs, Tourismussprecher der niedersächsischen Industrie- und Handelskammer, Anfang der Woche eine „klare Aussage“ des Landes zu Perspektiven der gastronomischen und touristischen Betriebe. Zumindest zum Zeithorizont und zu Auflagen müsse es Informationen geben. „Spätestens bei der nächsten Abstimmungsrunde zwischen Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten brauchen wir dazu eine Aussage“, so Ulrichs in einer Pressemitteilung. Am 30. April wollen Kanzlerin und Ministerpräsidenten das nächste Mal über das weitere Vorgehen beraten. Und der eine oder andere Geschäftsinhaber sah im verhaltenen Interesse der Kundschaft auch etwas Positives: „Das ist zum Anpassen an die hygienischen Maßnahmen sehr hilfreich“, so Roland Oltmanns von Intersport Oltmanns in Aurich.

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