Landkreis Aurich
Protestaktion

Stiller Aufschrei auf dem Land: Grüne Kreuze gegen die Agrarpolitik

Landauf, landab stehen auf vielen Feldern seit einigen Wochen grüne Kreuze. Auch ostfriesische Landwirte wollen damit auf ihre Nöte aufmerksam machen - doch ihre Aktion stößt auch auf Kritik.

Melle/Ihlow. Eigentlich soll das Agrarpaket der Bundesministerinnen Svenja Schulze (SPD) und Julia Klöckner (CDU) die Landwirtschaft umweltfreundlicher machen. Es sieht unter anderem Einschränkungen für den heftig umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat vor, mehr Geld für Umwelt- und Klimaschutz, ein freiwilliges Tierschutzlabel und ein Aktionsprogramm für den Insektenschutz. Das klingt erstmal gut. Doch schon wenige Tage nach der Vorstellung des Pakets im September stellte der Nebenerwerbslandwirt und Agrarblogger Willi Kremer-Schillings aus dem niederrheinischen Rommerskirchen - in seinem Blog bekannt als „Bauer Willi“ - ein grünes Kreuz auf seinem Acker an einer Bundesstraße auf; als „stillen Protest“ gegen das Agrarpaket.

Auch in Ostfriesland nehmen Landwirte an der Aktion teil. In Ihlow haben sich mehrere Landwirte zusammen geschlossen. Am Freitag demonstrierten sie mit den grünen Kreuzen auf einem Feld in Simonswolde. Einige Landwirte stellten die Kreuze auch auf ihren Höfen auf. 

Inzwischen dürften bundesweit mehr als 10 000 grüne Kreuze stehen, schätzt Gabriele Mörixmann. Die Landwirtin aus Melle bei Osnabrück ist Mitinitiatorin der grünen Kreuze, zusammen mit sieben weiteren Bloggern und Bloggerinnen. „Keiner hätte zu hoffen gewagt, dass die Resonanz so groß ist“, sagt die Bäuerin. Und sie beteuert: „Die grünen Kreuze stehen für uns - es soll nicht so rüberkommen, Landwirte wären gegen Umweltschutz, gegen Tierschutz - in keinster Weise.“

Aber was ist dann eigentlich das Problem? Mörixmann erklärt, warum sie trotz Bedenken doch der Aktion mit den grünen Kreuzen zugestimmt hat. Für ihren Aktivstall, in dem die Schweine viel mehr Bewegungsmöglichkeiten und Beschäftigungsmöglichkeiten haben als in einem normalen Stall, habe sie zwar von allen Seiten viel Lob bekommen. „Fakt ist aber auch, dass ich echt dafür kämpfen muss, überhaupt Kunden für das Fleisch zu finden, Leute, die bereit sind, 30 Prozent mehr Geld dafür auszugeben.“ Die Leute sagten zwar, sie wollten Tierwohl, aber das aufwendiger produzierte Fleisch kaufe kaum jemand.

Hinzu kämen bürokratische Hürden. „Wenn ich als Landwirt in Richtung Tierwohl umbauen möchte, kriege ich in der Regel keine Genehmigung“, klagt Mörixmann. „Und für mich ist es völlig sinnbefreit, ein Agrarpaket auf den Weg zu bringen, wo auch Tierwohl ein großes Thema ist, wenn dieses Problem, das wir schon vor Jahren angesprochen haben, immer noch nicht behoben ist.“ Das Agrarpaket von Klöckner und Schulze habe bei vielen Landwirten ein Fass zum Überlaufen gebracht.

Doch die Aktion ist umstritten. Den Landwirtschaftsmeister Friedrich Ostendorff lassen die grünen Kreuze ratlos zurück. Er war einer der ersten Biobauern im Ruhrgebiet und hat die Grünen in seinem Heimatkreis Unna mitgegründet. Heute sitzt er für die Partei im Bundestag und ist ihr Agrarexperte. Die Landwirte könnten sich mit der Aktion auch einen Bärendienst erweisen, fürchtet er. Die Gesellschaft erwarte, dass die Landwirtschaft Lösungen für den Gewässerschutz, für den Artenschutz und den Tierschutz erbringe und nicht dringend notwendige Lösungen blockiere.

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