Landkreis Aurich
Kriminelle Vögel

So klauen Möwen seltener Pommes

Fritten und Eis festhalten: An vielen Stränden ist das ein Muss, denn in der Luft lauern Möwen auf ein bequemes Mahl - das Phänomen ist auf Langeoog genauso bekannt wie in Bremerhaven.

Bremerhaven/Langeoog. Auf Möwen ist Georgia Wagner im Imbissschiff „Klibfisch“ am Neuen Hafen in Bremerhaven gar nicht gut zu sprechen. „An manchen Tagen ist es extrem“, sagt die Imbissmitarbeiterin. „Dann stürzen sich mehrere Möwen gleichzeitig auf das Essen der Gäste.“ Bänke und Tische neben dem Schiff an der Pier laden die Gäste ein, ihre Speisen unter freiem Himmel zu verzehren. Der Imbiss hat schon lange Schilder aufgehängt, die darauf hinweisen, dass das Füttern von Möwen untersagt ist - denn dadurch werden die Tiere erst recht angelockt. Wer es doch macht, dem droht ein Bußgeld.

Die Imbissmitarbeiterin berichtet, es sei schon passiert, dass Gäste nur mit dem gerade am Tresen in Empfang genommen vollen Teller in der Hand zu ihrem Platz gingen und dabei attackiert wurden. Einmal habe eine Frau ihr Essen auf einem Tisch stehen lassen, um noch etwas zu holen. „Plötzlich hatten mindestens zehn Möwen das Essen zerpflückt und hatten sich auf fünf Tische verteilt“, erzählt die Imbissfrau.

Um nicht das Fischbrötchen oder die Pommes an die Möwen zu verlieren, können Urlauber nun dem Rat britischer Forscherinnen folgen: Die fanden jüngst in einer Studie heraus, dass sich Silbermöwen seltener dem Essen von Menschen nähern, wenn man sie anstarrt. Das Team um Forscherin Neeltje Boogert testete in Küstenstädten in Cornwall, wie viele Möwen sich Essen nähern, wenn sie unbeobachtet sind - und wie viele Vögel sich dasselbe trauen, wenn man sie dabei anschaut. Als Köder dienten Pommes.

Das erste Ergebnis der Studie: Die meisten Möwen (64 Prozent) näherten sich den Pommes innerhalb von fünf Minuten zunächst gar nicht, wie Hauptautorin Madeleine Goumas in der Fachzeitschrift „Biology Letters“ schreibt.

Tilo Rössler, Betreiber eines Fischkutters in Warnemünde, hat da andere Erfahrungen gemacht. Klauende Möwen seien an der Promenade ein Problem. „Das wird auch immer schlimmer. Man hat das Gefühl, dass die sich taktisch weitergebildet haben und jetzt zusammen arbeiten.“ Wie das dann aussehe? Eine Möwe schreie den Besitzer des Fischbrötchens quasi als Ablenkung an und im Rücken des „Opfers“ fliegen andere Möwen heran - und schnappen sich das Brötchen.

Ganz ähnlich gehen die Möwen auch auf Langeoog vor. Dort bekommen Urlauberkinder vor einer Eisdiele mitten im Ort den Schreck ihres Lebens, wenn ihnen zum ersten Mal das frisch gekaufte Eis von einer Möwe im Sturzflug hinterrücks aus der Hand gerissen wird.

„Da an der Eisdiele sitzt eigentlich immer eine auf dem Dach und wartet“, berichtet Langeoogs Bürgermeister Uwe Garrrels. Er sieht die diebischen Vögel aber nicht als echtes Probleme für Touristen. „Das ist etwas, das ein Gast nach dem ersten Urlaub weiß“, sagt der Bürgermeister.

Die Vögel seien sehr geschickt. Gerade jungen Möwen könnte ihre Strategie der Futtersuche aber auch gefährlich werden. „Wenn junge Möwen sich zu sehr darauf spezialisieren, Menschenessen zu rauben, dann kann es sein, dass sie im Winter Probleme haben und verhungern, weil sie es nicht anders gelernt haben, ihr Essen zu holen“, sagt Garrels. Erst kürzlich sei er in Dornumersiel selbst wieder Opfer hungriger Möwen geworden, die es auf sein Fischbrötchen abgesehen hatten, berichtet der Inselbürgermeister.

Auch die britische Studie kommt zu dem Schluss, dass Silbermöwen sich Menschen gerne von hinten nähern und in einem Überraschungsmoment ihr Essen stehlen. Außerdem verhielten sich die Silbermöwen anders, je nachdem, ob sie beobachtet wurden oder nicht. Sah niemand hin, traute sich laut Studie mehr als jede dritte Möwe in die Nähe der Test-Pommes. Standen sie hingegen unter Beobachtung, wagte sich noch etwa jedes vierte Tier heran.

Warum einige Möwen sich in die Nähe der Pommes trauten und andere nicht, haben die Forscherinnen nicht untersucht. Es könne zum einen an unterschiedlichen „Persönlichkeiten“ der Tiere liegen. Sprich: Manche Individuen sind mutiger als andere. Oder es könne sein, dass einige Möwen gute Erfahrungen mit Fütterungen durch Menschen gemacht hätten, hieß es.

Möwen zu füttern kann in Deutschland übrigens teuer werden. In Warnemünde oder auf der Insel Sylt kann das mit bis zu 5000 Euro Bußgeld bestraft werden. Denn was Menschen essen, kann für Möwen schlecht sein. Weißbrot beispielsweise quillt im Magen auf, kann aber nicht richtig verdaut werden. So ziehen die Tiere daraus kaum wichtige Nährstoffe, fühlen sich aber dennoch satt. Auch die britischen Wissenschaftlerinnen betonen in ihrer Studie: Die natürliche Nahrung von Möwen seien Fisch und beispielsweise Würmer.

Obwohl sich im Test der Forscherinnen fast zwei von drei Möwen gar nicht erst den Pommes näherten, halten die Autorinnen fest: „Es sieht so aus, als könnten ein paar freche Möwen den Ruf aller ruinieren.“

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