Landkreis Aurich

Quarantäne in der Wüste

Zwangsaufenthalte in Quarantäne gehören in Zeiten von Corona inzwischen zum Alltag. Der Auricher Gerd Füllgrabe sieht sich durch die aktuelle Situation an ein Erlebnis im Jahr 1966 erinnert.

Aurich. Erbarmungslos fegt der „Sahar“, der heiße Wüstenwind, Sandschwaden durch die Ritzen des nur notdürftig zu verschließenden Zelteingangs. Durch einen Spalt fällt der Blick auf den silbern glänzenden Wasserbehälter, den man in die Mitte des großen Zeltkarrees platziert hat. Die verschiedenen Hähne sind geöffnet, Wasser spritzt auf den Boden - und in dem Matsch waschen sie sich Hände und Gesicht. Ein Gerangel setzt ein, Fäuste fliegen, erstes Blut fließt - dann ist wieder Ruhe.

1966, zwischen dem Irak und Jordanien war die Cholera ausgebrochen. Der Weltenbummler Gerd Füllgrabe landete in einem Quarantäne-Camp. Und die Aussicht war düster, beschreibt der Auricher in seinem Bericht, den er dem Sonntagsblatt zur Verfügung stellte, die Situation. „Nur eine Infektion, dann müssen wir hier statt der fünf Tage zumindest zwei Wochen bleiben“, hatte man ihm und seinem Freund Jürgen in Aussicht gestellt.

Hier, das bedeutete, mitten in der endlosen Wüste im jordanischen Quarantäne-Camp, bewacht von schwer bewaffneten Soldaten. „Bei miserablen sanitären Bedingungen“, betonte Füllgrabe. Als Ziel hatten die beiden Touristen Bagdad im Visier.

Dann waren alle Grenzen gesperrt, die Reisenden besaßen keine Schutzimpfung, schwebten in Lebensgefahr. Dann fühlte sich Füllgrabe schlecht, erbrach sich. Es folgten Durchfall, Kopfschmerzen und eine unglaubliche Schwäche. „Und das bei über 40 Grad im Schatten“, so Füllgrabe. Er schleppte sich mit letzter Kraft in eine der Strohhütten. „Nur gut, dass seit der Grenze Heidi und Bruno, ein junges Arzt-Ehepaar, bei uns war“, stellte er fest, dem sie unterwegs geholfen hatten. „Die Diagnose war vernichtend: „Symptome der Cholera,“ hieß es.

In einem Hospital bekam Füllgrabe eine Penicillin-Spritze. „Aber kurz darauf lag ich wieder in der Hütte“, erinnerte er sich. Erst die zweite Penizillin-Spritze schlug an.

In Richtung Jordanien sollte es über ein Quarantäne-Camp einen Fluchtweg geben. Der Weg führte durch die weite Wüste, über die irakische Grenzstation Rutba, wo sie nach knapp 700 Kilometern auf jordanische Soldaten und auf das riesige Zeltlager an eine Ölpumpstation stießen.

Die Deutschen wurden in ein Armeezelt gebracht. Als Verpflegung gab es morgens ein Stück Brot mit unbestimmbarer Zugabe und warmer, süßer Milch. Mittags gab es Reis mit Hirse, dazu Gemüse in stinkendem Hammelfett und ein Stück Hammelfleisch. Abends folgten ein Stück Brot, warme süße Milch und die obligatorische, undefinierbare Zugabe.

„Die Toiletten waren ein Graus“, erinnerte sich Füllgrabe. Die Arztkontrolle war auf eine weitere Impfung und dreimalige Kot-Tests beschränkt. „Letzterer ist eine Volksbelustigung für die arabischen Lkw-Fahrer, die Trauben vor dem Fenster bilden“, sieht Füllgrabe die Menschen noch vor sich. „Welch ein Erlebnis, einen weißen Po zu sehen“, sagte er.

Einmal Mittags gab es während der Essensausgabe zur allgemeinen Freude eine Schlägerei zwischen den Fahrern. Abends fuhren diese ein Stück in die Wüste hinaus, lagen auf ihren Maschinen, wo sie Arak tranken, den scharfen Anis-Schnaps. Dazu kreiste verbotenes Haschisch, und nicht selten flogen die Messer. „Kein Soldat folgt ihnen“, stellte Füllgrabe fest, der sich mit seinem Freund Jürgen im Hintergrund hielt. „ Nur keine Reibereien“, lautete die Devise. Allein in Doktor Samir, dem Camp-Leiter, sahen sie eine Hoffnung.

Dann kam plötzlich die erlösende Nachricht: Es seien viel zu viele Menschen im Camp, hieß es. Der Premierminister gab die Weisung, dass Füllgrabe und sein Freund Jürgen am Ende des vierten Tages fahren durften. „Wenn nicht doch noch ein Cholera-Fall auftaucht“, gab es die Anweisung. „Wir zitterten uns über die Stunden“, so Füllgrabe.

„Dann kam das Zeichen. Wir rollten los und sind der Cholera und dem Camp entkommen.“

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