Landkreis Aurich
Aus dem Gericht

Morddrohungen lange vor der Tat

Im Prozess gegen einen 59-jährigen Emder wurden nun 15 Zeugen vernommen.

Von Martina Ricken

Aurich. Mit der Vernehmung von 15 Zeugen hat die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Aurich die Verhandlung gegen einen 59-jährigen Emder wegen versuchten Totschlags fortgesetzt. Der wichtigste Zeuge war das 26-jährige Opfer, das der Angeklagte in der Nacht des 16. Januars durch einen Messerstich in den Bauch schwer verletzt hatte.

Ruhig und sachlich schilderte der 26-jährige Emder, der als Nebenkläger am Prozess teilnimmt, eine Reihe von Beleidigungen und Bedrohungen des Angeklagten, die in der Tatnacht mit der Attacke endeten.

Im Juni 2017 war der Nebenkläger mit seiner Freundin in das Mehrfamilienhaus in der Küstenbahnstraße in Emden gezogen, in dem auch der Angeklagte seinerzeit wohnte. Von Anfang an habe es Stress gegeben, berichtete der 26-Jährige. „Die Nachbarn haben mir erzählt, dass der Angeklagte gleich gesagt hat: ‚Wenn der Schwarze hier einzieht, gibt es was‘“, erzählte der Emder, der gebürtig aus Burkina Faso stammt.

Etwa einen Monat später sei der Angeklagte ausgezogen, womit er oder seine Freundin nichts zu tun gehabt hätten. „Ich habe nie mit dem Vermieter gesprochen“, versicherte der Zeuge.

Doch mit dem Auszug des Angeklagten begann für das Pärchen eine Tortur. Immer wieder lief ihnen der Angeklagte über den Weg, beleidigte und bedrohte die beiden. „Ich habe bei der Polizei Anzeige erstattet, auch wegen Stalkings. Doch es ist nichts passiert“, so der Nebenkläger. Teilweise habe er den Angeklagten bei seinen Drohungen mit dem Handy gefilmt, um Beweise in der Hand zu haben. „Aber die Polizei wollte das nicht ansehen“, beklagte der 26-Jährige.

Elf Tage vor dem Messerangriff gab es einen Zwischenfall vor einem Discounter. Dort waren der Angeklagte und der Nebenkläger zufällig aufeinandergetroffen. Der 26-Jährige fragte den Angeklagten, ob er die Scheibe seines Autos beschädigt habe. Der Angeklagte drohte wieder mit „Abstechen“ und machte dabei mit der Hand eine unmissverständliche Geste an seinen Hals. Als ein Angestellter des Geschäfts hinzu kam, behauptete der Angeklagte, vom Jüngeren bedroht worden zu sein. „Das habe ich genau umgekehrt wahrgenommen“, sagte dieser Zeuge nun gestern vor Gericht.

Dann kam die Nacht, die dem 26-Jährigen fast das Leben gekostet hätte. „Ich wurde von Geräuschen wach, vom Schlagen gegen eine Scheibe“, erzählte der Mann. Er habe die Stimme des Angeklagten gehört und dann, wie jemand weggelaufen sei. Der junge Mann befürchtete, dass sein Auto erneut demoliert würde und wollte nachsehen.

„Als ich die Haustür öffnete, stand der Angeklagte da und stach sofort zu“, berichtete der Emder. Er habe den Angeklagten weggeschubst. Beide Männer seien zu Boden gefallen und auf die Straße geraten. „Da versuchte er, mir ins Bein zu stechen.“ Der Angeklagte fügte ihm tatsächlich auch eine Wunde am linken Bein zu, das sich teilweise immer noch taub anfühle. Das Opfer rief um Hilfe, richtete sich an einem Auto auf und ging wieder ein paar Schritte auf das Haus zu. „Ich spürte Blut und musste mich unter den Briefkasten legen, weil ich keine Kraft mehr hatte“, erinnerte sich der Mann. Er habe gespürt, wie sein Magen ausgetreten sei. Tatsächlich waren es Darmschlingen, die aus dem Bauchraum hervorquollen. In diesem Moment sei seine Freundin hinzugekommen. Der Angeklagte sei weggerannt, habe sich aber noch einmal umgedreht und gedroht: „Du bist die Nächste“.

Der 59-Jährige wurde am nächsten Morgen festgenommen. Bei der Polizei wollte er sich zur Tat nicht äußern. Aber in einem Vermerk hielt die Polizei eine Bemerkung des Angeklagten fest. Sinngemäß soll er gesagt haben: „Ihr könnt mich verurteilen. Wenn ich rauskomme und er überlebt haben sollte, steche ich ihn ab.“ Mehrfach soll er den Nebenkläger auch mit rassistischen Begriffen tituliert haben.

Der Prozess wird am 29. Juli fortgesetzt.

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