Landkreis Aurich
Enercon

Ministerpräsident erschüttert über Zustände bei Enercon

In Aurich hat am Samstag ein weiteres Krisengespräch stattgefunden.

Aurich. Nach der Krisensitzung zur Zukunft Enercons am Samstag in Aurich zeigte sich Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil erschüttert. „Bei Enercon herrscht nach wie vor kein offenes Klima, sondern eines, das von Druck und Angst geprägt ist“, sagte der Ministerpräsident, der an die Konzernspitze appellierte, die aktuelle Krise für einen Neuanfang zu nutzen. Auf die Frage der EZ, ob im Hintergrund nicht längst an einer Zerschlagung des Unternehmens gearbeitet werde, sagte Weil, dass es dafür zumindest aktuell keine Anzeichen gebe. In erster Linie müsse es jetzt darum gehen, so viel Arbeit wie möglich im Unternehmen zu halten.

Dafür müssten sich allerdings die politischen Rahmenbedingungen auf Bundesebene ändern. Weil machte deutlich, dass sich Niedersachsen der vom Bund geplanten 1000-Meter-Abstands-Regel von Windkraftanlagen zur nächsten Wohnbebauung nicht anschließen werde. Das Land arbeite derzeit an einer Sonderregelung. Würde Niedersachsen der 1000-Meter-Abstandsregel folgen, würde sich das Flächenpotenzial für Windkraft in Niedersachsen laut Weil um 80 Prozent reduzieren. „So geht es nicht“, machte Weil deutlich, „das wäre das Ende des Klimaschutzes in Deutschland“, betonte der Regierungschef und fügte hinzu: „Kein Elektroauto macht Sinn, wenn es mit Kohlestrom befeuert wird.“

„Wir brauchen die Windenergie mehr denn je“, bekräftigte Energieminister Lies und mahnte in Richtung Berlin: „Wir müssen die Rahmenbedingungen so setzen, dass wir die Windenergie wieder in Schwung bringen.“ Allerdings erlebe er auf Bundesebene gerade eine ganz andere Diskussion. „Die Branche, die die größte Zukunft überhaupt hat, wird gerade vor die Wand gefahren“, sagte Lies.

Thomas Gelder, Bevollmächtigter der IG Metall Leer-Papenburg, sieht derweil keine Chancen, die von Enercon angekündigte Abwanderung der Rotorblattfertigung ins Ausland aufzuhalten. Auch Gelder sprach von einer „Kultur der Angst“ bei Enercon und einer sehr „emotional geprägten Veranstaltung“. Themen wie Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft seien für Enercon nach wie vor Fremdwörter.

Enercon beschäftigt in Deutschland rund 12.000 Mitarbeiter, von denen mit den angekündigten Stellenstreichungen in Aurich und Magdeburg etwa ein Viertel wegfallen sollen. Berichten zufolge stehen aber deutschlandweit noch viel mehr Enercon-Stellen auf dem Spiel. Die Rede ist von einer „Minimalabschätzung“. Dies gilt es nach den Worten von Ministerpräsident Weil zu verhindern. Dazu sei auch das über Jahre mit staatlichen Mitteln geförderte Unternehmen in der Pflicht, seiner sozialpolitischen Verantwortung nachzukommen.

Die Stimmung vor Ort zu Beginn der Versammlung ähnelte dem Wetter: Mit getrübten Mienen und wortlos gingen die Beschäftigten in den Tagungsraum „Borkum“ des Seminarhotels in Aurich. Mit der Presse mochte keiner offiziell sprechen, zu groß ist die Angst. „Die Beschäftigten sind extrem verunsichert“, begründete eine Gewerkschaftsvertreterin den Ausschluss der Presse von der Versammlung.

Das war wohl auch der Grund dafür, dass die Resonanz insgesamt überschaubar war und die Beschäftigten nicht mit einem großen Aufstand und lautem Getöse auf sich aufmerksam machten. Keine Spur von Trillerpfeifen und Transparenten. Enercon soll Handzettel, die die Gewerkschaft an Autos von Beschäftigten geklemmt hatte, um für die Teilnahme an der Veranstaltung zu werben, sogar wieder entfernt haben.

Laut Thomas Gelder, Bevollmächtigter der IG Metall Leer-Papenburg, hat die Unternehmensleitung, die zu dem Gespräch nicht eingeladen wurde, versucht, die Beschäftigten von der Teilnahme abzuhalten. „Die wollen euch möglichst schnell entsorgen“, sagte Gelder zum Auftakt des Gespräches.

Wie war die Stimmung im Saal während der Versammlung? Die Grünen-Landtagsabgeordnete Meta Janssen-Kucz aus Leer, die kurz den Saal verließ, fasste es so zusammen: „Richtig mies.“

Für kommenden Mittwoch, 20. November, ist ein weiteres Krisentreffen in Aurich geplant, zu dem laut Gewerkschaft neben Vertretern der Landesregierung, der Arbeitnehmerseite und der Kommunen auch die Enercon-Führung erwartet wird.

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