Landkreis Aurich
Corona-Krise und Schule

Kuddelmuddel an ostfriesischen Schulen

In Schulen finden sich langsam wieder Schüler ein. An einen normalen Schultag ist aber nicht zu denken.

Peter Saathoff

Ostfriesland. Die 16-jährige Maya darf seit Montag, der zehnjährige Elias fängt am 11. Mai wieder an und der siebenjährige Tobias muss sich noch eine Weile gedulden: Die Situation an ostfriesischen Schulen entwickelt sich zum Kuddelmuddel verschiedener Interessen. Im Spannungsfeld stehen Kinder, deren Bildungs- und Gesundheitsinteressen abgewogen werden müssen, Eltern, die zwischen Homeoffice und Homeschooling schwanken, und Lehrer, die irgendwie das Bestmögliche aus der Situation machen sollen, ohne selber wissen zu können, was das Bestmögliche eigentlich sein soll.

Mit diesen Fragen schlägt sich auch Lambertischulleiter Kai Münzel herum. Seine Auricher Grundschule öffnet am Montag ihre Pforten. Vorerst nur für die Viertklässler. Im tageweisen Wechsel soll ein Teil der Schüler vormittags von 8 bis 13 Uhr wieder in den Klassenräumen sitzen. Der tageweise Wechsel war eine von drei Möglichkeiten, aus denen Schulen für die Wiedereröffnung wählen durften. Zur Auswahl standen der wöchentliche, halbwöchentliche oder täglicher Wechsel der Schüler. Ein Nachmittagsangebot ist abseits der Notbetreuung für Kinder von Eltern in „systemrelevanten Berufen“ nicht vorgesehen.

Münzel sieht seine Grundschule auf einem guten Weg. Am Schuleingang liegen Masken bereit für die Kinder, die von zu Hause aus nicht mit Mund- und Nasenschutz ausgestattet werden. „Die sollen in den Fluren getragen und am Platz abgenommen werden“, erklärte Münzel. Nach dem Unterricht geben die Kinder die Masken wieder in der Schule ab, damit sie gereinigt und für den nächsten Tag wieder verwendet werden können.

Die Pausen verbringen die halbierten Klassen auf dem Schulhof. Jeder Klassenhälfte stehen im Zeitraum zwischen 9.30 und 11 Uhr 30 Minuten Pause zu. Dabei sollen die Lehrer auf Abstände achten. Spielgeräte wie das Klettergerüst dürfen die Kinder der Auricher Grundschule nutzen, das Fußballfeld bleibt geschlossen, Sportunterricht ist ohnehin gestrichen. „Das bleibt so einigermaßen beherrschbar“, hofft Münzel.

Tatsächlich bereiten dem Auricher Schulleiter die nächsten 14 Tage wenig Kopfzerbrechen. Schwieriger werde die Situation, wenn ab dem 18. Mai auch die dritten Klassen wieder zur Schule gingen. Damit erschöpften sich die Schulkapazitäten, kalkuliert Münzel. Wie noch zusätzlich die zweiten und ersten Klassen in diesen Rhythmus gequetscht werden könnten, sei bisher unklar. Er hoffe, dass es überhaupt möglich sei, die Kinder bis zu den Sommerferien wiederzusehen, sagte Münzel.

Auch um eine Einschätzung des für Schüler, Eltern und Lehrer ungewohnten Homeschoolings zu erhalten. Bis dato können Lehrer nur vermuten, wie gut das System mit Lernpaketen, Wochenplänen und Digitalplattformen klappt. „Wir haben da sehr unterschiedliche Eindrücke“, stellt denn auch Münzel fest. Es gebe Kinder, die offenkundig eine sehr gute häusliche Unterstützung bei den Aufgaben hätten. „Manche Kinder schicken uns E-Mails zurück“, erzählt Münzel. Nicht in allen Fällen sei das aber überhaupt möglich, etwa weil nicht jede Familie über die Ausstattung verfügt. In anderen Fällen scheiterten die Lehrer schon daran, die Eltern telefonisch oder per E-Mail zu erreichen. „In solchen Fällen haben wir Lernpakete postalisch versandt oder vorbeigebracht“, erzählte Münzel. Insgesamt bescheinige er dem Homeschooling, unter diesen schwierigen Bedingungen „ziemlich gut“ zu funktionieren. Dennoch: Für die angestrebte, bildungstechnische Chancengleichheit sieht es zurzeit düster aus.

Das weiß wohl auch das niedersächsische Kultusministerium, das bereits Mitte April in einem 15-seitigen Leitfaden an Schulen empfahl, von einer Bewertung der häuslichen Aufgaben abzusehen. Stattdessen solle es schriftliche Stellungnahmen zu den Aufgaben geben. Geprüft werden könne das Wissen nach Wiederaufnahme des Unterrichts durch kurze Tests, Lernzielkontrollen oder mündliche Abfragen.

Nun ist die Notenermittlung zurzeit wohl nicht die vorrangige Sorge von Kindern, Eltern und ihren Lehrern. Die Organisation des Schultags erfordert zurzeit schon genug Planung. Lehrer berichten von minutenlangem Händewaschen, um die strengen Hygienevorschriften zu erfüllen. An einen halbwegs geregelten Unterricht sei in dieser Form nicht zu denken. Von 45 Minuten Unterricht seien bis zu 30 für die Hygiene belegt.

Eltern, die derweil versuchen, den Spagat zwischen Erwerbsarbeit und Unterrichtsunterstützung zu schaffen, und auf eine Normalisierung der Schulsituationen hoffen, werden enttäuscht. An eine zeitnahe Besserung dieser Situation ist nicht zu denken. Bereits Mitte April warnte das niedersächsische Kultusministerium in seinem Leitfaden vor überzogenen Erwartungen. „Ein Hochfahren auf ’Normalbetrieb’ mit regulärem Unterricht wird bis zu den Sommerferien jedoch realistisch betrachtet nicht möglich sein“, heißt es im Grußwort von Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD). In dieser Woche verständigte sich Tonne mit den weiteren Kultusministern auf ein ähnliches Vorgehen. Es sei das Ziel, dass jedes Kind zumindest gelegentlich bis zu den Sommerferien Präsenzunterricht erhalte.

Vom dem ist der siebenjährige Tobias noch eine ganze Weile entfernt. Der Erstklässler klebt für den Sachkundeunterricht Blumen zusammen. Bis zu einem Schulbesuch muss er sich noch mindestens einen Monat gedulden. Wenn nicht noch länger

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