Landkreis Aurich
Publicity für heimische Wälder

Kein geheimes Leben in hiesigen Wäldern

Der Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“  lenkt Aufmerksamkeit auf Wälder. Förster sehen Ostfrieslands Reviere beim Klimawandel gut aufgestellt. Schädlinge sind allerdings auf dem Vormarsch.

Von Hans-Ulrich Meyer

Lütetsburg/Ihlow. Bestseller-Autoren haben die Wälder für sich entdeckt. Die Förster in Ostfriesland sehen den Hype allerdings mit gemischten Gefühlen. Das machte Bezirksförster Uwe Grimm (51) von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Lütetsburg bei einem Rundgang im Revier deutlich. Seit einigen Jahren stehen die Bestsellerbücher und der Film von Förster Peter Wohlleben mit dem Titel „Das geheime Leben der Bäume“ im Interesse der Öffentlichkeit. Inzwischen hat es der Wald auch ins Kino geschafft. „Wir sehen viele Dinge des Filmes kritisch, weil sie wissenschaftlich nicht fundiert sind. Das sehen auch meine Kollegen so”, erklärte Grimm. Doch ganz schlecht ist die Publicity für die heimischen Wälder nicht, sagte Grimm auch: „Positiv zu se­hen ist, dass durch seinen Film das Interesse an der Natur wächst.“

Der Bezirksförster sieht indessen Ostfrieslands Wälder beim Klimawandel gut aufgestellt. Der von ihm zu betreuende Privatwald in Lütetsburg hat 2500 Hektar und nur wenige Fichtenreinbestände. Vier Waldarbeiter sowie Lohnunternehmen sorgen für die Holzernte. Südlich von Oldenburg sowie im Harz und im Solling in Wäldern mit Monokulturen treibt der Borkenkäfer (Buchdrucker) seit Jahren sein Unwesen. Das hat zu einem erheblichen Verlust des Baumbestandes geführt.

Es sei der Weitsicht der Ostfriesen zu verdanken, dass sie bereits früh mit den Anpflanzungen von Mischwäldern begonnen haben, hält Grimm dagegen. „Wir haben hier kaum Borkenkäfer“, machte er deutlich - und das hat noch einen weiteren Grund. „Weil wir in Ostfriesland ein atlantisches Klima mit einer hohen Luftfeuchtigkeit haben und nur wenige Fichtenreinbestände, die sensibel für Borkenkäfer sind“, betonte Grimm. Während im Bundesdurchschnitt der Waldbestand 30 Prozent beträgt, sind es in Ostfriesland lediglich 3,5 Prozent. Bereits seit vielen Jahrzehnten bemühen sich die hiesigen Reviere darum, einen Mischbestand aus Nadel- und Laubbäumen nach Alter und vertikalen Strukturen in Ostfriesland zu schaffen.

Bei der Holznutzung in Folge höherer Gewalt, auch Kalamitätsnutzung genannt, wie bei Windbruch, Insektenfraß oder Brand sind Einschläge notwendig, erklärte der Forstfachmann und betonte, dass im Rahmen des Klimawandels verschiedene Anbauarten wie Buche, Tanne oder Douglasie breiter gefächert würden. „Wir brauchen das Holz als Rohstoff, weil es im Vergleich mit Kunststoff und Beton fortlaufend nachwächst. Dadurch wird im Wald Platz für neue Bäume geschaffen.“ Jährlich wächst der Wald in Lütetsburg pro Hektar um sieben Kubikmeter Holz, geerntet davon werden fünf Kubikmeter. „Dadurch haben wir immer einen Vorratsaufbau“, sagte Bezirksförster Uwe Grimm.

Der Ihlower Wald liegt wie eine Insel in der sonst offenen Landschaft im Dreieck zwischen Aurich, Emden und Moormerland. Keine der Waldungen der Niedersächsischen Landesforsten in Ostfriesland ist so geprägt durch alten Laubwald aus Eichen und Buchen. Dazu kamen bis vor Kurzem umfangreiche Eschenauwälder, vor allem entlang des Krummen Tiefs. Dieser alte und besondere Wald macht zusammen mit der Klosterimagination des ehemaligen Zisterzienserklosters (Schola Dei) auf einer 7,5 Hektar großen Grünfläche inmitten des Waldgebietes den besonderen Reiz für viele Besucher aus.

Revierförster Gerd Dählmann aus Hesel betreut seit 30 Jahren den Ihlower Wald. „Die Eichen und Buchen haben die letzten zwei trockenen und heißen Sommer gut überstanden”, erklärte er. Die meist feuchten und durchlässigen Böden sowie die hohe Luftfeuchtigkeit durch die Küstennähe böten Eichen und Buchen gute Bedingungen.

Mit Trockenschäden bei den Buchen, die andernorts große Sorgen bereiten, hat Dählmann keine Probleme. Sorge machen ihm jedoch die umfangreichen Eschenwälder, die vor allem entlang des Krummen Tiefs wuchsen und dort im so genannten Auenwaldbereich auch heimisch sind.

Hier fühlen sich Schädlinge wohl, vor allem ein aus Asien vor gut zehn Jahren nach Mitteleuropa eingeschleppter Pilz mit dem Namen „Falsches weißes Stängelbecherchen”. Er befällt die Leitungsbahnen der Eschen, die dann mehr oder weniger schnell von oben her absterben. „Es gibt keine Abwehrmaßnahmen, nach resistenten Bäumen wird geforscht. Hier droht der Verlust der Baumart Esche.“

Durch die recht naturnahen und stabilen Laubwälder sieht Dählmann den Ihlower Wald auch hier gut auf künftige Änderungen durch den Klimawandel eingestellt. Die Eichen gehören zu den Wärme liebenden Baumarten, während Buchen in anderen Regionen unter der Sommertrockenheit leiden. „Das ist hier bislang nicht der Fall“, machte Dählmann deutlich. Ein zusätzliches Risiko bedeute die prognostizierte Zunahme von Stürmen durch den Klimawandel während der Jahreszeiten, in denen die Bäume noch belaubt sind. „Unsere küstennahen Wälder sind gut an die Windbelastung angepasst,”, sagte Dählmann. Doch das Laub lasse jeden Baum quasi zum Segel werden. „Er ist Stürmen viel stärker ausgesetzt, als wir es bisher kennen.“

Auch der wärmeliebende Eichenprozessionsspinner breitet sich von Süden kommend in Niedersachsen aus. Es sei eine Frage der Zeit, bis er eines Tages den Ihlower Wald erreiche. Die Planung der Landesforsten für die kommenden zehn Jahre sehe vor, dass die Nadelbäume. vor allem Fichten, aber auch Douglasien, Kiefern und Lärchen, um 20 Hektar abnehmen. Dagegen werden Buchen durch Pflanzung und Naturverjüngung deutlich zunehmen.

Die absterbenden Eschenbereiche werden indessen der natürlichen Waldentwicklung überlassen. Es werde aber auch weiterhin reguläre Pflegedurchforstungen und die Nutzung sogenannter zielstarker Bäume im Ihlower Wald geben, ausgenommen die als Naturwald ausgewiesenen Flächen. „Hier ruhen Axt und Säge auf Dauer und die natürliche Walddynamik – man könnte auch sagen Urwaldentwicklung – kann auf einem Zehntel des Waldes beobachtet werden”, erklärte Dählmann.

Unvorhergesehene Waldschäden seien dennoch nicht auszuschließen, aber das Risiko sei deutlich geringer als in anderen Waldgebieten. Mit 90 Prozent Laubbäumen stelle sich der Ihlower Wald sehr naturnah und mit bis zu 220 Jahre alten Eichen und mächtigen bis 180-jährigen Buchen sehr abwechslungsreich dar.

Das 305,4 Hektar große Waldgebiet ist als Fauna-Flora- Habitat (FFH) nach europäischem Recht ausgewiesen und seit September 2019 auf gleicher Fläche auch Naturschutzgebiet. Das gesamte Gebiet dient dem Wasserschutz und auf knapp 30 Hektar Naturwald findet keine Nutzung statt. Für den Naturschutz wertvolle Kleinbiotope finden sich auf immerhin einem Zehntel der Waldfläche.

Kommentare
FOLGEN SIE UNS
Anzeige

KONTAKT ZU UNS

Sie ziehen um oder es gibt Probleme bei der Zustellung? Dann finden Sie Hilfe in unserem Servicebereich

Zum Servicebereich

Sie möchten direkten Kontakt zu einer Abteilung aufnehmen oder haben Anregungen? Dann finden Sie im Kontaktbereich die passende Adresse

Zum Kontaktbereich

AM SEEHAFEN