Landkreis Aurich
Gedenkfeier

Freundschaften haben sich entwickelt

Der Verein der Gedenkstätte KZ Engerhafe begeht sein zehnjähriges Jubiläum.

Von Werner Jürgens

Engerhafe. Am 21. Oktober ist es 75 Jahre her, dass in Engerhafe ein Konzentrationslager errichtet wurde. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde dessen Existenz lange verdrängt und totgeschwiegen. Seit 2009 kümmert sich ein Verein um die systematische Aufarbeitung der Geschehnisse von damals. Ein fester Programmpunkt im Kalender ist eine Gedenkfeier, die in diesem Jahr am 19. und 20. Oktober stattfindet.

„Inzwischen haben sich viele Freundschaften über internationale Grenzen hinaus entwickelt, auch gerade mit Nachfahren der Opfer und KZ-Insassen“, meint Herbert Müller. Der Südbrookmerlander Künstler hat sich bereits in den 1980er Jahren intensiv mit der Historie des Lagers auseinandergesetzt und zeichnet maßgeblich für die Ausgestaltung der Gedenkstätten verantwortlich.

Die Ursprünge des KZs gehen zurück bis in das Jahr 1942, als in Engerhafe zunächst ein Arbeitslager entstand. Der Ort lag ganz in der Nähe des seinerzeit wichtigen Eisenbahnknotenpunktes, der Norddeich, Emden und Aurich miteinander verband. 1944 wurde aus dem Arbeitslager eine Außenstelle des KZs Neuengamme. Die Gefangenen, die vom 21. Oktober bis zum 22. Dezember 1944 in Engerhafe einsaßen, mussten in Aurich beim Bau des sogenannten „Friesenwalls“ helfen. Dahinter verbarg sich eine Wehranlage, die laut den Plänen der nationalsozialistischen Militärstrategen von Ostfriesland bis nach Dänemark verlaufen sollte und als Schutz vor einer möglichen Invasion von der Nordsee gedacht war. Tatsächlich realisiert worden sind am Ende lediglich ein paar kleinere Abschnitte, die letztlich aber keinerlei Bedeutung für den weiteren Verlauf und Ausgang des Krieges hatten.

Die Bedingungen, unter denen die Häftlinge im KZ Engerhafe ihr Dasein fristeten, hat die Autorin Imke Müller-Hellmann in ihrem Buch „Verschwunden in Deutschland“ nach Augenzeugenberichten wie folgt beschrieben: „Eisiger Regen, Schnee, nasse Erde bis zu den Knöcheln, feuchte Kälte, die bis ins Knochenmark drang und böiger Wind von der Meeresküste. Im November und Dezember mussten die durchnässten und nur mit Fetzen bekleideten Häftlinge in ihren Händen, die steif vor Kälte waren, einen Spaten halten und im matschigen Boden Löcher graben. Extreme Unterernährung, unhygienische Zustände, primitive Lebensbedingungen, Schmutz und menschenverachtende Behandlung verursachten die völlige Erschöpfung.“ Außerdem durften sich die Häftlinge nicht waschen und verbreiteten deswegen einen entsetzlichen Gestank. Weil keine Gefängniskleidung verfügbar war, versah man die spärlichen Lumpen, die sie am Leib trugen, mit gelben Kreuzen aus Ölfarbe. Bürger, die sich vom Anblick dieser „Gelbkreuzler“ offensichtlich gestört fühlten, sollen bei den Behörden vorstellig geworden sein und um eine Verlegung ihrer Marschroute gebeten haben. Denn sowohl den Weg in Aurich zur Baustelle am Panzergraben als auch den in Engerhafe zum Eisenbahnknotenpunkt mussten die Gefangenen zu Fuß bewältigen. Hin und zurück ergab sich daraus eine Tagesstrecke von etwa acht Kilometern. Allein das war für manche der total ausgemergelten Häftlinge und erst recht in Anbetracht der kalten Jahreszeit zu viel. Diejenigen, die die Tortur überlebten, wurden gezwungen, die Toten bis zum Zug zu transportieren – zunächst, indem sie die Leichen einfach so hinter sich herschleiften; später gab man ihnen einen Handkarren.

Nachweislich 188 von den rund 2000 zumeist aus Polen, Lettland und den Niederlanden stammenden Engerhafer KZ-Insassen verstarben in Ostfriesland. Die provisorisch im Kirchenhof beerdigten Leichen wurden zuletzt nur noch notdürftig in Papiersäcke eingewickelt und wenige Zentimeter unter der Erde verscharrt. Nach dem Krieg sind sie exhumiert und teilweise in ihre Heimat überführt worden. Die Verbliebenen hat man erneut auf dem Engerhafer Friedhof beigesetzt. Heute erinnert ein Gedenkstein an die Namen Opfer. Von dem Lager selbst ist abgesehen von ein paar Mauerresten der Latrinengrube nichts mehr übrig.

Die diesjährige Gedenkfeier beginnt am Samstag, 19. Oktober um 15.30 Uhr im Engerhafer Gulfhof Ihnen. Nach einem Grußwort des SPD-Bundestagsabgeordneten Johann Saathoff als Schirmherr der Veranstaltung folgt ein Vortrag des Historikers Dr. Bernhard Parisius über „Widerstand und Verfolgung in Ostfriesland während der NS-Zeit“. Dann geht es rüber in die Kirche, wo Schüler aus Engerhafe und Marienhafe die Namen der Opfer verlesen und Kerzen für die Toten entzündet werden. Eine Schweigeminute am Gräberfeld beendet den offiziellen Teil dieses Tages. Am Abend haben die Gäste die Gelegenheit, sich bei einer Tasse Tee im Gulfhof auszutauschen. Treffpunkt am nächsten Sonntagmorgen um 11.30 Uhr ist der Auricher Güterschuppen. Von dort aus soll in einem gemeinsamen Gang nach Sandhorst noch einmal die beschwerliche Marschroute der Häftlinge zu ihrer damaligen Zwangsarbeitsstätte ins Gedächtnis gerufen werden. Dort ist inzwischen eine Gedenkstätte mit Infotafeln und einem Mahnmal errichtet worden.

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