Landkreis Aurich
Ein Aussterbender Beruf

Er ist einer der letzten Mühlenbauer Ostfrieslands

Mit 14 Jahren ging Nikolaus Eilers aus Großefehn  beim Mühlenbauer Mönck in die Lehre. Das war 1949. Sein Beruf führte ihn bis nach Dänemark. Hier erzählt der heute 85-Jährige seine Geschichte.

Von Soeke Heykes

Wiesmoor/Ostfriesland. Aurich, Westerholt, Holte, Remels, Pochhause, Spetzerfehn. Überall dort, wo in Ostfriesland eine Mühle stand oder noch steht, Nikolaus Eilers hat mit großer Wahrscheinlichkeit daran gearbeitet. Selbst auf die Insel Als in Dänemark hat es den heute 85-Jährigen verschlagen. Denn der gebürtige Großefehntjer, der jetzt in Wiesmoor lebt, war 19 Jahre lang als Mühlenbauer unterwegs.

Dass dieser Beruf in seiner Familie schon fast eine Tradition war, zeigt sich an seinem Großvater und Urgroßvater. Beide haben sie das Handwerk des Mühlenbauers gelernt. Nur Eilers’ Vater hat sich entschieden, Seemann zu werden – oder „Schipper“, wie es in Ostfriesland heißt. Wie er selbst zu dem Beruf kam, ist schnell erzählt: „Es war 1949. Nach dem Krieg gab es nicht viele Lehrstellen“, sagt der Wiesmoorer. Sein Großvater kannte den Chef  des Großefehntjer Mühlenbauers Mönck und verhalf ihm so zu einer Lehrstelle. Damals war Eilers 14 Jahre alt.

Es war eine schwere Arbeit

Von da an hieß es, für drei Jahre einmal die Woche nach Aurich zur Berufsschule „zu den Zimmerleuten“, wie Eilers erzählt. Eine Schule für Mühlenbauer gab es nicht. Dabei ist der Beruf vielseitig, es wird mit Holz und Eisen gearbeitet, Mahlgänge werden angefertigt und Mahlsteine geschärft. Die restlichen fünf Tage packte Eilers beim Großefehntjer Mühlenbauer Mönck, den es heute nicht mehr gibt, kräftig mit an. „Es war sehr schwierig reinzukommen, denn alles war Neuland für mich“, erinnert sich der heute 85-Jährige. Wie die Arbeit war, kann der Wiesmoorer in einem Satz zusammenfassen: „Es war schwere Arbeit, aber so war das damals halt.“

Die erste Mühle, an der er gearbeitet hat, war die Spetzerfehner Mühle, die es noch heute gibt und wo immer noch Mehl produziert wird. Damals musste ein neuer Mühlenstein, ein Stein zum Mahlen des Korns, eingebaut werden. Der rund 1,5 Tonnen schwere Stein wurde dabei mit Hilfe eines Flaschenzuges nach oben gehoben. „Das ging ganz gut“, sagt der Wiesmoorer. Das ist jetzt fast genau 71 Jahre her. Ebenfalls wurde die Galerie, eine Art Balkon, der um die ganz Mühle herum geht, erneuert. Der Unterbau, die Stützpfeiler, wurden über eine Takelage hochgezogen. Die Takelage wurde dabei an der Windrose befestigt, welche die Aufgabe hat, die Mühlenkappe in den Wind zu drehen.

Wer sich diese Arbeit nun vorstellt, und an ein Sicherheitsgerüst um die Mühle denkt, der liegt falsch. „Ein Gerüst hat es nie gegeben, auch keine Angst oder ein Gedanke daran, dass etwas passieren könnte“, sagt Eilers. Lediglich zwei Bretter des Gerüstbodens der Mühle lagen zwischen den Schuhen der Mühlenbauer und dem 9,8 Meter tiefen Boden. Heutzutage unvorstellbar.

In Timmel ist die Mühle abgebrannt

Ein besonderes Ereignis, dass Eilers bis heute noch in Erinnerung geblieben ist, war gerade einmal 19 Tage, nachdem er die Ausbildung begonnen hatte: „Am 1. Mai ging ich in die Lehre, am 20. Mai kam der Chef und sagte, ,in Timmel ist die Mühle abgebrannt’“, so der Wiesmoorer. „Das vergesse ich nie.“ Die Firma Mönk hatte den Auftrag, die Mühle wiederaufzubauen. Dafür musste eine andere Mühle in Abickhafe in der Gemeinde Friedeburg herhalten: „Im Sommer wurde die Mühle demontiert und in Timmel wiederaufgerichtet“, erzählt der 85-Jährige. Einfach in Einzelteile schneiden und abtransportieren ging jedoch nicht. Jedes Stück musste in seine Einzelteile demontiert und anschließend mit einer Kutsche nach Timmel gebracht werden. Lediglich das Mauerwerk hat ein Bauunternehmen übernommen. In der ersten Weihnachtswoche des gleichen Jahres wurde Richtfest gefeiert.

Bei den anderen Mühlen wurden größtenteils Reparaturen durchgeführt. Das war vor allem dann der Fall, wenn in der Mühle der Wurm drin war. Das war ein großes Problem, denn nicht nur die Wände und Böden waren aus Holz, auch Zahnräder, Flügel und Rohre wurden daraus hergestellt. Heutzutage sind die Rohre und Flügel aus Metall. Eine Arbeit, die eigentlich von den Müllern selbst gemacht wurde, aber auch immer wieder den Mühlenbauern aufgetragen wurde, war das Nachschärfen des Mühlensteins. Dabei wurden die Rillen im Stein mit einem speziellen Hammer nachgehauen. „Innen mussten die Rillen tief sein und nach Außen immer flacher“, erklärt Eilers das Vorgehen. Diese Arbeit war sie sehr unbeliebt, denn obwohl sie zu zweit erledigt wurde, dauerte es ewig und war sehr mühselig.

Während dieser Arbeiten blieben die Mühlenbauer beim Müller und haben dort geschlafen. Um zu den Mühlen hinzukommen, hieß es für Eilers in die Pedale treten. Auch zur Berufsschule ins knapp 24 Kilometer entfernte Aurich ist der Wiesmoorer mit dem Fahrrad gefahren. „Bei Wind und Regen, Herbst oder Winter, das war damals eben so“, sagt der 85-Jährige.

Nach 19 Jahren war Schluss

„1968 bin ich dann weggegangen“, sagt Eilers, nach 19 Jahren als Mühlenbauer. Sein weiterer Weg führte ihn in den Stahlbau, wo er eine Lehre als Schlosser machte. Doch wegen der Arbeit ist er nicht weggegangen. Viel mehr wegen des Mühlensterbens, welches durch das in den 60er-Jahren eingeführte Mühlenstilllegungsgesetz begann. Die Müller erhielt dadurch Geld vom Staat, wenn sie ihre Mühle stilllegten. Hinzu kam die Einführung des elektrischen Stroms in den Mühlen, um auch windunabhängig arbeiten zu können. Einen Motor dafür, den Eilers noch vor seinem Berufsende in die Spetzerfehner Mühle eingebaut hat, ist dort vorhanden und wird immer noch genutzt.

Auch wenn seine Zeit als Mühlenbauer schon lange vorbei ist. Ganz losgelassen hat Eilers den Beruf nie. Noch heute nutzt er seine Fachkenntnisse und werkelt als Hobby in seiner Werkstatt herum. Daraus entstand unter anderem eine rund fünf Meter hohe Mühle, die in seinem Garten steht. Aktuell arbeitet er an einer Miniaturversion des Mahlvorganges, natürlich Einhundertprozent originalgetreu, nur etwas kleiner.

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