Landkreis Aurich
Integration von Flüchtlingen

Ehemänner verbieten Frauen Sprachkurse

Das patriarchalische System erschwert Integrationsbemühungen im Landkreis Aurich.

Landkreis Aurich. Die Integration geflüchteter Frauen bleibt eine besondere Herausforderung. Auch im Landkreis Aurich. Hier leben etwa 800 Frauen, insgesamt wohnen 3600 Flüchtlinge im Kreis. Viele Frauen litten unter erheblichem häuslichen Druck, sich bei Integrations- und Sprachkursen zurückzuhalten. Entsprechende Erfahrungen aus ihren Sprach- und Integrationskursen teilten Andreas Epple von der Kvhs Aurich-Norden sowie Karin Lübbers-Koop von der Johanniter-Unfall-Hilfe mit. Bei fünf Prozent der Frauen verhinderten Väter, Ehemänner und Brüder den Besuch entsprechender Kurse komplett. In vielen anderen Fällen werde sehr genau drauf geachtet, dass es keine gemischten Kurse gebe.

Die Gründe für diese Verhaltensweisen seien vielfältig, Lösungen nicht immer leicht durchzusetzen. „Das patriarchalische System wirkt sich massiv aus”, sagte Epple. Die Ehemänner, Väter und Brüder führten unterschiedliche Gründe an, aus denen sie die Integrationsbemühungen ihrer Frauen, Töchter und Schwestern behinderten. Entweder weil die Kinderbetreuung nicht sichergestellt sei - oder weil Männer keine Notwendigkeit für deutsche Sprachkenntnisse ihrer Frauen sähen. „Es läuft sehr viel über die Männer”, sagte Epple und meinte damit das Aufnehmen einer Arbeitstätigkeit oder Besuche bei Jobcentern und Beratungsstellen. Infolge dessen seien Frauen bei Integrationsmaßnahmen „unterrepräsentiert”.

Anhand mehrerer Beispielen illustrierte Epple praktische Situationen, die in der Jugendwerkstatt der Kreisvolkshochschulen vorgekommen seien. Da gebe es die 23-Jährige, die in der Heimat ein Abitur abgelegt und ein Studium aufgenommen hatte. Die Syrerin arbeite inzwischen in der Gastronomie. Ihr gelang die Integration - trotz Widerständen, vor allem von der Mutter. Aber auch den Arbeitgeber stellte die 23-Jährige vor ein Problem. In ihrer Küchentätigkeit wollte sie aus religiösen Gründen auf ihr Kopftuch nicht verzichten. Aus Hygienegründen sind entsprechende Utensilien in gastronomischen Küchen in Deutschland verboten. „Die Firma hat dann ein weißes Kopftuch gestellt, das verwendet werden darf”, erzählte Epple. „Aber auch ein Kopftuch kann ein Integrationshemmnis sein.”

Unter einem anderen Hemmnis litt eine 25-jährige Landsfrau. Ihre Fehlquote bei Sprach- und Integrationskursen war zu hoch, die Kvhs musste die Maßnahme abbrechen. Immer wieder seien Vater und Brüder vorgefahren, riefen via Handy die 25-Jährige an und beorderten die Frau zum Aufpassen auf das jüngere Geschwisterchen. Kein ungewöhnlicher Fall, für die Töchter sei die Integration besonders beschwerlich. „Wir müssen den Brüdern klar machen, dass ihre Schwestern nicht eingesperrt gehören”, sagte Epple.

Dass die Kinderbetreuung häufig zu Problemen führe, erzählte auch Lübbers-Koop von den Johannitern. Sie bietet einen sprachlichen Einsteigerkurs an, betreut zwischen 35 und 38 Frauen. Dazu kommen 25 bis 32 Kinder. „Die Mütter müssen gemeinsam mit ihren Kindern lernen können”, resümierte Lübbers-Koop, „damit sie als Integrationsvorbilder fungieren.” Für ihre Arbeit als Frauenintegrationsbeauftragte erhielt Lübbers-Koop im Laufe der Sitzung einen Zuschuss in Höhe von 11 700 Euro. Davon sollen die Busfahrkarten für die im gesamten Landkreis verteilt lebenden Frauen bezahlt werden.

„Die Frauen leben in einer vollständigen Isolation”, stellte Hans Forster (SPD) fest, „und das, weil die Männer keine Integration erlauben.” Das führe zu „einer Katastrophe, wenn diese Frauen auch nach fünf Jahren kein Wort deutsch sprechen.” Er forderte Maßnahmen, die Familien ganzheitlich ansprechen. Sanktionen lehnte der Sozialdemokrat ab. „Es ist besser, die Familien zu überzeugen.” Deutlicher wurde Agnes Bracklo (BW/GfA). „Das geht so nicht”, stellte Bracklo fest. Im Zweifelsfall müssten Sicherheitsdienstmitarbeiter Brüder und Väter abweisen.

Schlussendlich soll die Verwaltung nun ein Konzept erstellen, in dem sämtliche Angebote aufgelistet sind und Lösungsmöglichkeiten für problematische Fälle erarbeitet würden. Ein Ansinnen, dass den Kvhs-Leiter nicht überzeugte. „Wir haben ein Konzept”, wehrte Epple ab, „aber es ist einfach ein sehr langer Weg zur Integration.”

Besser sieht es auf dem Arbeitsmarkt aus. 25 Prozent der im Landkreis Aurich eingewanderten Flüchtlinge sind inzwischen aus dem Hartz-IV-Bezug rausgefallen. Sie haben Ausbildungen begonnen, Tätigkeiten als Hilfskräfte angenommen oder studieren. Das teilte Frank Martens, Leiter der Koordinierungsstelle für Migration und Teilhabe, aus dem Migrationsbericht 2018 im Ausschuss mit. „Damit sind wir überdurchschnittlich erfolgreich”, sagte Martens. Landesweit läge der Durchschnitt bei etwa 21 Prozent. Insgesamt leben zurzeit etwa 3600 Flüchtlinge im Landkreis. Der Löwenanteil mit fast 1700 Personen stammt aus Syrien. Bei den gesamten Ausländern im Landkreis teilen sich die Syrer mit Polen die Spitzenplätze.

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