Landkreis Aurich
Alarmierende Zahlen

Übernachtungszahlen von Obdachlosen steigen weiter

In Aurich ist ein Plus von 1200 Übernachtungen zu verzeichnen. Grüne und Linke machen eine verfehlte Baupolitik für die Situation verantwortlich. SPD/GAP und CDU weisen die Kritik zurück.

Von Peter Saathoff

Aurich. Die Zahlen im DRK-Übernachtungsheim in Aurich sind erheblich angestiegen. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 4277 Übernachtungen. Das entspricht einem Plus von 1200 Übernachtungen gegenüber dem Vorjahr. Die DRK-Einrichtung an der Zingelstraße bietet Männern ab 18 Jahren 17,5 Stunden pro Tag kostenlosen, betreuten Aufenthalt. Frauen sind nur dann erlaubt, wenn sie in Begleitung eines Mannes um Obdach bitten. Für sie gibt es andere Räumlichkeiten.

In der Politik schrillten bei der Vorstellung der aktuellen Zahlen im Sozialausschuss die Alarmglocken. „Die Zahlen sind alarmierend”, sagte Gila Altmann, Fraktionsvorsitzenden der Grünen, in der jüngsten Sitzung am Donnerstag. Insgesamt stehen im Haus 23 Betten für wohnungslose Männer parat. Zwei Duschen und zwei Toiletten sind in den Sanitärräumen vorhanden. Kreis und Stadt teilen sich die Kosten für die Einrichtung mit einem jährlichen Zuschuss in Höhe von 80 000 Euro.

Altmann sah die Ursache für die drastisch gestiegenen Zahlen in einer falschen Baupolitik der Stadt. „Die Wohnsituation verengt sich in Aurich sehr stark.” Altmann schlug vor, die Kasernengebäude zur Unterbringung weiterer Obdachlosen zu verwenden. „Die Wohnungen sind im Zuge der Flüchtlingssituation modernisiert worden - und jetzt stehen sie leer”, kritisierte die Grüne. „Wir kriegen das Problem anders nicht in den Griff”.

Schützenhilfe erhielt sie von Reinhard Warmulla (Die Linke). „Der Rat hat den Mangel an kleinen Wohnungen immer ignoriert”, sagte Warmulla. Zusätzlich kritisierte er generelles Desinteresse der Stadtpolitiker an der Einrichtung. „Wir haben das DRK-Übernachtungsheim nie besucht, obwohl ich explizit dazu aufgerufen habe”, ärgerte sich Warmulla. Stattdessen habe der Kreissozialausschuss das Gebäude besucht und dort habe die Einrichtung „Entsetzen” hervorgerufen. „Das sind Mehrbettzimmer, die ineinander übergehen.” Nach Kritik der Kreispolitiker seien nur Betten ausgetauscht und Rauchmelder installiert worden.

Die angesprochenen Rats-politiker reagierten pikiert. „Den Vorwurf der Untätigkeit weise ich zurück”, sagte SPD-Fraktionsvorsitzende Ingeborg Hartmann-Seibt. Die Stadt habe immer das Notwendige bezahlt und niemanden hängengelassen. Gunther Siebels-Michel (GAP) nannte die Verengung der Obdachlosen auf den Wohnraummangel „reine Propaganda”. Seines Wissens nach führten Alkohol- und Drogenprobleme häufig zu Obdachlosigkeiten. Entsprechend müssten die Menschen im DRK-Übernachtungsheim betreut werden. „Ohne Betreuung sind viele gar nicht alleine wohnfähig.” Eine Kerbe, in die auch Arnold Gossel, CDU-Fraktionsvorsitzende, schlug: „Viele Menschen wollen sich gar nicht helfen lassen”, sagte Gossel. „Wir können die Umstände nur mildern.”

Aussagen, mit denen Altmann nichts anfangen konnte. „Wir müssen an die Ursachen ran”, sagte Altmann. Sie verwies auf das Projekt „Housing First”, bei dem ein Kollektiv Wohnungen zur Verfügung stellt und die Obdachlosen die Räumlichkeiten dauerhaft bewohnen können. Im nächsten Schritt werden dann die Probleme, die zur Obdachlosigkeit führten, angegangen. Am Anfang müsse eine „stabile Unterkunft” stehen.

Das Projekt hat seine Wurzeln in den Vereinigten Staaten, inzwischen hat es auch Europa erreicht und wird in größeren Städten Deutschlands umgesetzt. In den USA konnte die Zahl der Obdachlosen um etwa 30 Prozent reduziert werden. So oder so: „Wir müssen endlich etwas tun, ansonsten sitzen wir nächstes Jahr wieder hier und haben nichts erreicht”, forderte Altmann.

Wer sich aber am DRK-Übernachtungsheim stärker beteiligen könnte, blieb am Ende der Sitzung unklar. Die Stadtpolitiker sehen den Landkreis in der Pflicht. „Der Landkreis gehört mit an den Tisch”, fand Hartmann-Seibt. Im Herbst soll in einer weiteren Sozialausschusssitzung verstärkt über dieses Thema diskutiert werden. „Dann laden wir den Landkreis dazu”, kündigte die Fraktions- und Ausschussvorsitzende an.

Der zuständige Fachbereichsleiter der Stadt, Kai-Michael Heinze, dämpfte bereits die Erwartungen an eine gemeinsame Sitzung. „Der Landkreis ist mir in der Vergangenheit nicht dadurch aufgefallen, dass er mehr als das unbedingt Notwendige übernimmt.”

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