Meinung
Wahl in Emden

OB-Wahl ist eine Sensation

Tim Kruithoff wird neuer Oberbürgermeister der Stadt Emden. Was ist im Detail passiert? Ein Kommentar von Stefan Bergmann.

Was bitte war denn das? Unfassbare 75 Prozent der Wähler haben Tim Kruithoff zum neuen Oberbürgermeister der Stadt Emden gemacht. Dass er die Nase vorn haben würde, das sagte das kollektive Bauchgefühl der Stadt schon lange. Als um 18 Uhr die EZ-Wahlprognose kam und dort schon das Erdrutsch-Ergebnis vorwegnahm, wollte es niemand so richtig glauben. Doch das amtliche Endergebnis fiel ähnlich aus. Was ist da passiert?

1. Die deutsche Sozialdemokratie liegt am Boden, verheddert sich in Personaldebatten, lässt sich im Bund von der CDU vorführen und hat vollkommen ihre eigenen Wähler aus den Augen verloren: Menschen, die (hart) arbeiten und dafür ein Teil vom Wohlstand abhaben wollen. Der SPD-Bundestrend schadete Eertmoed gewaltig.

2. Die Emder Sozialdemokratie liegt am Boden. Sie hat sich nach dem katastrophalen Ergebnis der letzten Kommunalwahl nicht erneuert. Noch immer kleben die gleichen alten Kader an ihren Stühlen, noch immer ziehen die gleichen Männer im Hintergrund die Strippen. Junge Leute? Nein. Neue Ideen? Nein. Dafür lieber „Weiter so” - bis in den Abgrund. Der ist seit gestern erreicht. Joke Bruns dreht sich wohl im Grabe rum angesichts der Chuzpe der Emder Genossen.

3. Manfred Eertmoed war inhaltlich stark, konnte aber nicht glaubwürdig vermitteln, dass er alte Zöpfe abschneiden kann im Rathaus. In der EZ-Wahlarena verspielte er sich Sympathien mit harschen Erwiderungen auf Publikums-Kommentare. Dass er sich mehr und mehr von der alten Emder SPD distanziert hat, nutzte ihm auch nichts mehr.

4. Und dann war da natürlich Tim Kruithoff. Ein frisches Gesicht, in Geschäftskreisen und bei Multiplikatoren aus seiner Sparkassenzeit bestens bekannt. Er musste nicht künstlich auf Distanz zur SPD und zur Verwaltung gehen - er i s t auf Distanz. Ihm nehmen die allermeisten Menschen offenbar ab, dass er mit alten, verkrusteten Strukturen aufräumen will. Dies dürfte für ihn auch einfacher sein als für Eertmoed, weil er nicht in Partei-Seilschaften hängt und frei agieren kann. Dass er als OB natürlich trotzdem die Unterstützung des Rates braucht, weiß er - und war deswegen in den letzten Wochen nett zu allen.

5. Die Menschen trauen den etablierten Parteien nicht mehr viel zu. Das ist nicht die Schuld der Menschen, sondern der Parteien. Auch auf Borkum siegte nicht der SPD-Kandidat aus der Verwaltung, sondern ein Ingenieur der Deutschen Bahn.

Die deutsche Sozialdemokratie hat gestern Abend auf Emden geschaut. Denn die Stadt gilt als letzte SPD-Hochburg. Doch das haben sich die Genossen jetzt endgültig verspielt. Es sollte ein Beben durch die Partei gehen. Doch wahrscheinlich heißt es bald wieder: „Weiter so!” Allein die Reaktion Johann Saathoffs gestern Abend spricht Bände: „„Auch angesichts dieser Ergebnisse müsse man ja nicht gleich in Sack und Asche gehen”, sagte er. Was bitte fehlt der SPD eigentlich noch, damit sie mal in Sack und Asche geht?

Noch ein Wort zur Wahlbeteiligung (53 Prozent): Beschämend. Wenn noch nicht einmal eine solch wichtige Wahl die Menschen an die Urnen zieht, dann läuft in dieser Stadt-Gesellschaft etwas grundlegend falsch. Weniger Ich und mehr Wir ist angesagt angesichts der vielen Emder Probleme. Stattdessen signalisiert die Hälfe der Wählerschaft Gleichgültigkeit. Vielleicht aber sind auch einfach nur viele SPD-Stammwähler zuhause geblieben, um nicht Kruithoff wählen zu müssen.

Aber macht es das besser?

Der Wahl-Liveblog zum Nachlesen.

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