Meinung
Enercon entlässt Tausende

Enercon-Entlassungen: Ein bigottes Land

Wer trägt die Verantwortung für den massiven Stellenabbau bei dem Auricher Windkraftanlagenhersteller? Ein Kommentar von Chefredakteur Stefan Bergmann

Es werden fürchterliche Weihnachtstage für 1500 Familien aus Aurich und umzu. Enercon entlässt bundesweit 3000 Mitarbeiter aus den Rotorblattfertigungen. Auch Magdeburg ist betroffen.

Niemand kann sagen, dass das Unternehmen die Politik nicht gewarnt hätte. Immer und immer wieder hatte Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig in den vergangenen Jahren angekündigt, dass das Ausschreibungsmodell der Bundesregierung den Ausbau der Windkraft in Deutschland - und damit auch einen wichtigen Teil der Energiewende - in den Abgrund führen könnte. Jetzt ist es so gekommen, und es leiden wieder und wie immer die Angestellten und Arbeiter darunter. Das Aus der Rotorblattfertigung in Aurich dürfte für Emdens Nachbarstadt die gleiche Dimension haben wie das seinerzeitige Aus der Nordseewerke in Emden; das nur mal zur Einordnung.

Erst hat die große Koalition aus CDU und - ja - SPD die deutsche Photovoltaik-Industrie zugrunde gerichtet, und nun auch die Windkraft. Dies alles durch eine immer geringer werdende Förderung, durch verschärfte Regelungen und durch schleppende Genehmigungsverfahren. Wenn die SPD - wie auch jetzt durch Johann Saathoff oder Stephan Weil verkündet - vor allem die Beschlüsse von CDU-Hardlinern in Berlin für den Niedergang dieser beiden Branchen verantwortlich macht, so darf doch nicht vergessen werden, dass die SPD zugestimmt hat. Und damit trägt sie die gleiche Verantwortung für die jetzt neuerlichen 3000 Arbeitslosen in Deutschland wie die fortschrittsfeindliche CDU. Große Koalition first, Arbeitsplätze second. Auch dies ein Grund für die derzeit einstelligen Wahlergebnisse der Sozialdemokratie, die um der Macht Willen in Berlin jegliches Rückgrat längst verloren hat.

Und auch Enercon muss sich fragen lassen, ob die glänzend laufenden Auslandsgeschäfte es nicht ermöglicht hätten, den Arbeitsplatzabbau in Deutschland geringer zu halten. Erst jüngst hatte Enercon 800 Mitarbeiter auf die Straße geschickt. Was ist aus dem einstigen Familienunternehmen, das aus einer Garage heraus groß wurde, nur geworden?

Das alles tröstet die vielen Arbeiter in Aurich nicht. Und das Versprechen von Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann, bei einem „sozialverträglichen Arbeitsplatzabbau” zu helfen, klingt wie Hohn.

Doch es sind nicht nur Berlin, nicht nur Hannover, nicht nur Enercon, die eine zweifelhafte Verantwortung für das jetzige Desaster in Ostfriesland spielen. Es sind vor allem die vielen Menschen in Deutschland, die nichts mehr akzeptieren und alles ablehnen, mit ihrem übergroßen Ego gegen alles anrennen, was sie auch nur im geringsten in ihrer wohlig-naiven Befindlichkeit stört: Hochspannungsleitungen, Windkraftanlagen, Erdkabel. Bestimmt finden die ewigen Schwarzseher bald auch noch angebliche Menschenrechtsverletzungen, verursacht von Elektroautos und Ladestationen.

Deutschland zeigt sich immer mehr als ein bigottes Land aus Fortschrittsverweigerern und egomanischen Angsthasen. Und große Teile der Politik bedienen diese Gefühle und verstärken sie noch. Weil es nicht um Deutschlands Zukunft, sondern vor allem um Wählerstimmen geht.

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