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Das nächste Märchen-Kapitel aufgeschlagen

Volleyball, Relegation zur Oberliga: BW Borssum - VfL Lintorf 3:1 (25:13 / 25:14 / 21:25 / 25:13), BW Borssum - SV Arminia Rechterfeld 3:2 ( 23:25 / 20:25/ 25:19 / 25:10 / 15:13 ). Von EZ-Redakteur JÖRG-VOLKER KAHLE Tel. 0 49 21 / 89 00 440

Emden. Als Anika Knoop mit einem kraftvoll platzierten Schmetterball sofort den ersten Matchball zum 15:13 verwandelte und einen großartigen Schlusspunkt unter einen Volleyball-Krimi sondergleichen setzte, da entlud sich tonnenweise Anspannung, auf dem Spielfeld ebenso wie auf den Rängen in der BWB-Sporthalle. Nach 115 hochdramatischen Minuten, kraftraubenden unten auf dem Spielfeld und nervenaufreibenden auf der Zuschauertribüne, hatten zehn Spielerinnen und ihre beiden Trainer ein kleines ostfriesisches Volleyball-Wunder perfekt gemacht: Wieder der Aufstieg nach dem Aufstieg, zum 6. Mal hintereinander, nun in die Oberliga, die vierthöchste Spielklasse. Das nächste Kapitel ist aufgeschlagen im ”Borssumer Volleyball-Märchen”, dessen Weitergehen die Spielerinnen selbst vorab auf ihren Aufwärm-T-Shirts beschworen hatten.###STOP###

Das war noch zehn Minuten vor dem befreienden Schmetterball keineswegs klar. Im Gegenteil - im alles entscheidenden fünften Satz gegen die Noch-Oberligistinnen des SV Amisia Rechterfeld lagen die Gastgeberinnen noch 7:12 zurück. Die Hoffnungen der Anhänger schwanden merklich, zumal auch auf dem Feld die Luft raus zu sein schien: 7:6 hatten die Borssumerinnen zwischenzeitlich geführt, als das 7:7 passierte. Der Angriff der Rechterfelderinnen wäre ins Aus gegangen, wenn da nicht noch eine Borssumer Hand am Ball gewesen wäre, aber nicht genug, um ihn unter Kontrolle zu bringen. Dann die Rechterfelder Führung nach einem der sehr seltenen Missverständnisse in den Borssumer Reihen. Der dann fällige Seitenwechsel half nicht, der Faden war gerissen, nichts gelang. Bis Trainer Lothar Laerum bei 7:12 eine Auszeit nahm. Kristina Walter, einer der großen Aktivposten in den Borssumer Reihen an diesem Tag, gelang es dann, wieder für Borssum zu punkten - und die Wende einzuleiten. Die Rechterfelderinnen ließen sich verunsichern und leisteten sich auch technische Fehler. Borssum kam auf 11:13 heran. Auch eine Auszeit half den Rechterfelderinnen nicht mehr, dem Borssumer Rückenwind die Kraft zu nehmen. Immer wieder in dieser heißen Phase stand das Publikum auf. Rhythmisches Klatschen, Trommeln und Tröten: die Anspannung auf den Rängen musste rausgeklatscht, -getrötet, -geschrien werden. Dann der erlösende Ball zum Sieg und Aufstieg.

Die Spielerinnen selbst waren völlig aus dem Häuschen danach: ”Ich bin überhaupt nicht in der Lage, irgendwas zu sagen”, meinte Kristina Walter. ”Einfach unglaublich ist das”, freute sich Maren Deepen ebenso wie Maren de Boer, von Freudentränen begleitet: ”Toll, wir sind wieder aufgestiegen.” Noch Minuten nach Spielende feierten die Borssumer Fans ihre Heldinnen von der Tribüne aus, die Spielerinnen ihrerseits bedankten sich applaudierend bei den Unterstützern. Nach diesen ersten Minuten des Glückstaumels hatte Kristina Walter dann doch eine Erklärung für den Erfolg parat: ”Unser Kampfgeist ist eine unserer Stärken. Wir geben uns nicht so schnell verloren.” Das sah auch Lothar Laerum so, einer der beiden Trainer-Väter des Erfolgs. Und er hat die gleiche Grundhaltung: ”Ich habe immer daran geglaubt, dass wir es schaffen. Sonst wären wir nicht sechsmal hintereinander aufgestiegen.” Sein Mit-Trainer Jan Junker trug auch zu Beginn des langen Volleyball-Nachmittags deutlichen Optimismus zur Schau, der sich später bestätigte: ”Ich habe die Pfeife und den Schiedsrichterschein zuhause gelassen”, sagte er noch vor dem ersten Spiel. Wenn die Borssumerinnen das verloren hätten, dann hätte er nämlich im zweiten Spiel schiedsrichtern müssen. Er musste nicht zwischendurch nach Hause, die Schiri-Aufgabe fiel dann dem VfL Lintorf zu.

Dass die Lintorferinnen als erste Gegner des Nachmittags kein ernsthaftes Problem darstellen würden, zeigte sich schnell. Obwohl sie als ebenfalls Zweitplatzierte der Verbandsliga eigentlich auf Augenhöhe mit den Borssumerinnen standen. Aber die Gastgeberinnen hatten individuell die bessere Klasse, was sich in der Satzfolge niederschlägt: 25:13 / 25:14 / 21:25 / 25:13. Die Lintorferinnen hatten schon allein den kraftvollen Aufschlägen der Borssumerinnen nicht viel entgegenzusetzen. Und gegen die langen Mittelblockerinnen Anika Knoop und Nina Deepen gab es kein Lintorfer Gegenmittel. ”Die konnten fast schalten und walten, wie sie wollten”, analysierte Hintes Volleyballexperte Karl-Heinz Harms nach dem Spiel. Er gehörte ebenso zu den bekannteren Sportgesichtern im Publikum wie seine Fördervereins-Vorsitzende Claudia Bassermann mit Gatte Arno, der selbst für den VV Emden ans Netz geht. Stadtsportbund-Vorsitzender Hans-Jürgen Wehmhörner schaute ebenso gebannt zu wie Erich Bolinius und Drachenboot-Experte Holger Visser vom Emder Ruderverein. Selbst geistlicher Beistand war mit dem Borssumer Pastor Wolfgang Ritter da.

Wesentlichen Anteil am insgesamt klaren Sieg über Lintorf hatte Borssums Stellerin Claudia Laue, die sehr viel Spielübersicht zeigte und die Angreiferinnen gut in Szene setzte. Eine weitere Qualität der Borssumerinnen war ihre gute Raumaufteilung, in der sie deutlich weniger Lücken für gegnerische Punkte ließen als die Lintorferinnen, sowie die hohe Aufmerksamkeit, die schnelle Reaktion und ihr Kampfgeist und Siegeswille. Dass dennoch ein Satz - der dritte - verloren ging, war der zu großen Selbstsicherheit nach zwei klar gewonnen Sätzen geschuldet - und Trainer-Tochter Kristina Ziemski, der wohl besten Lintorferin, die einige gute Schmetterbälle landen konnte.

Im zweiten Spiel zeigte sich dann, dass 100 Prozent aktuelle Borssumer Leistung die Luft in der Oberliga etwas eng werden lassen könnten. Die Gegnerinnen aus Rechterfeld, die ja Oberliga-Erfahrung haben, strahlten schon beim Betreten der Halle ein ganz anderes Selbstbewusstsein aus. Zudem hatten sie auch einige Fans mitgebracht, die den Borssumern akustisch Paroli boten.

Dennoch konnten die Schützlinge des Duos Junker/Laerum so viel Euphorie aus der gewonnenen ersten Partie mitnehmen, dass sie es den Gegnerinnen nicht leicht machten. Die beiden ersten Sätze waren insgesamt sehr ausgeglichen, mal lag Borssum vorne, mal - etwas mehr - Rechterfeld. Dass beide Sätze an den Noch-Oberligisten gingen, lag daran, dass die Borssumer Trümpfe nicht so stachen wie im ersten Spiel: Den Borssumer Angriffen fehlte manchmal das letzte Quäntchen Kraft, um die Gegner in Verlegenheit zu bringen. Zudem waren sie selbst zu oft in der defensiven Rolle, als dass die spielgestaltende Kraft von Claudia Laue zum Tragen hätte kommen können.

Doch diejenigen, die nicht mehr an den Borssumer Sieg glaubten, sahen sich getäuscht: Jetzt kam die kämpferische Fähigkeit zum Tragen, Borssum kam wieder zurück ins Spiel, nicht zuletzt durch kraftvolle Aufschläge. Zudem waren sich die Gegnerinnen zu diesem Zeitpunkt schon zu siegessicher und sichtbar verunsichert, als die Borssumerinnen keineswegs aufgaben. Von Punkt zu Punkt schienen die Blau-Weißen neue Kraft zu bekommen, ebenso wie die Unterstützer auf der Tribüne. Die Halle wurde zum klassischen Hexenkessel. Borssum gewann Satz 3 so knapp, wie sie die ersten beiden verloren, und legte im Vierten eine Gala hin, die zeigte, warum es für dieses Team um den 6. Aufstieg in Serie ging.

Dann der entscheidende fünfte Satz, in dem zwischendurch wieder alles aus zu sein schien. Dramatischer hätte es kein Krimi-Autor Regisseur erfinden können.

BW Borssum: Maren de Boer, Kristina Walter, Christina Hempel, Nina Deepen, Anika Knoop, Manuela Schulmann, Claudia Laue, Lena van Scharrel, Martina Szozda und Gunda Ukena.

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