Kollektives Versagen nach dem Gegentor

Lübecks Torhüter Hollerieth zog blindlings stürmenden Emdern den Zahn. Neitzels Tor versagte Schiedsrichter die Anerkennung.

Von EZ-Redakteur

HENNING WIETING



Emden. Beerdigungs-Atmosphäre statt Party-Stimmung: Spielern, Trainern, Funktionären und Fans stand auch noch am späten Samstagnachmittag die riesengroße Enttäuschung ob des vergebenen ersten Matchballs ins Gesicht geschrieben. Der haushohe Favorit aus Emden hat es nicht geschafft, das bereits sportlich abgestiegene Team des VfB Lübeck in die Knie zu zwingen. Mit 2:0 - letztlich noch nicht einmal unverdient - schlägt das Vorzeigeteam des insolventen Traditionsvereins aus der Hansestadt nach Fortuna Düsseldorf mit Kickers Emden das nächste Team, das eigentlich nach Höherem strebt. Die Kickers-Fans überkommt allmählich das Gefühl, dass die Mannschaft von Trainer Stefan Emmerling einen Riesenbammel davor hat, beruhigter in die letzten Spiele gehen zu wollen. Immer, wenn sie den Vorsprung in der Tabelle richtig vergrößern kann, tritt sie mangels Erfolgserlebnissen auf der Stelle.

Eigentlich ging es für den BSV am Samstag schon um alles: Mit 53 Punkten bei einem Sieg gegen den Tabellenvorletzten hätte man den Sekt für die neue dritte Liga schon kaltstellen können, um ihn bei noch fünf ausstehenden Spielen notfalls gegen Champagner für den Aufstieg in Liga zwei austauschen zu können. Für Reiner Bruns, dem Sportlichen Leiter des BSV, stellte die Partie vor knapp 4500 Zuschauern und Sonnenschein darum auch ohne Umschweife „das wichtigste Spiel der Vereinsgeschichte” dar.

Doch vor dem Preis ist bekanntlich der Fleiß gesetzt. Dieser konnte der Emmerling-Elf zwischen Minute 10 und 24 auch nicht abgesprochen werden. Doch BSV-Stürmer Radovan Vujanovic wurde nicht zum Helden, sondern zur Reizfigur. Weil er die Riesenchance zum 1:0 nach millimetergenauem Zuspiel vom starken Kickers-Kapitän Rudolf Zedi leider nicht nutzte (14.), sondern den Ball nur an die Latte nagelte, wurde das Spiel nicht frühzeitig zu Gunsten des Gastgebers entschieden. Den Ball hätte der letztlich überragende Lübecker, Torhüter Achim Hollerieth, nämlich nicht gehalten. Und wäre vielleicht nicht zum Spielverderber des BSV geworden. So aber meisterte der 35-Jährige auch noch den Nehrbauer-Hammer (17.) und „Rados” Kopfball (21.).

Hinein in diese Drangperiode fiel dann das überraschende Tor der Gäste aus dem Nichts: Von Claudius Webers Treffer (24.) der „Marke Gerd Müller” wird Emdens Jasmin Spahic, sonst die Zuverlässigkeit in Person, noch lange träumen. Zumindest bis zum nächsten Spiel in Oberhausen...

Kickers-Keeper Marcus Rickert schilderte die Situation, die aus Emder Sicht besser aus dem Fundus des NDR-Sportarchivs gelöscht werden sollte, treffend: „Jasko hatte sich falsch zum Ball gestellt. Ich habe noch „weg!” gerufen, damit er ihn nicht verlängert. Ich kam dadurch natürlich einen Schritt zu spät.”

Doch anstatt dieses Gegentor hinzunehmen wie in der Vorwoche in Magdeburg und dann konsequent weiterzuspielen, verweilte Kickers wieder einmal im Schockzustand. So jedenfalls lässt sich die unglaubliche Hektik und der ziellose Aktionismus nur erklären.

Nach der Halbzeit nämlich machte Emden es besser, schnürte die Lübecker zunächst mit Tempospiel statt mit hektischem Hickhack phasenweise in deren Hälfte, an deren Strafraum ein.

Lübeck befreite sich allerdings zunehmend. Wenn nötig blieben die Gäste wie auch schon in Hälfte eins nach Zweikämpfen so lange liegen, bis Schiedsrichter Florian Benedum die Medizinmänner hereinrief. Auf diese plumpe Art von Zeitspiel hereingefallen zu sein, muss sich der sonst souverän leitende Referee mehrfach vorwerfen lassen. Zedi bemängelte dies schon zur Pause. Die eine oder andere gelbe Karte hätte hier für kürzere Unterbrechungen gesorgt. Mit dem Zeitspiel im Rücken inszenierten die agilen Giuseppe Canale und Salih Altin zunehmend gefährliche Konter, weil Emden immer mehr aufmachte. So hatte Lübeck durch den eingewechselten Deniz Kadah (68.) die Vorentscheidung auf dem Fuß.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Emmerling längst die vorsichtige Anfangsformation mit dem Doppelsechser Nehrbauer /Zedi aufgelöst und mit Celikovic (60.), Neitzel und Tornieporth (beide 67.) auf totale Offensive mit Dreierabwehrkette gesetzt. Und nach 74 Minuten hatten die 4500 Zuschauer im „Embdena”-Stadion den ersehnten Torschrei ausgelöst. Vergeblich - Schiri Benedum gab Neitzels Treffer nach nicht, weil er ein zu heftiges Einsteigen des Emder Angreifers ausgemacht haben will. Sein Assistent auf rechts toppte die Situation, die die Fernsehbilder widerlegten, noch, indem er auf Abseits winkte. Das zumindest hatte der Schiedsrichter ignoriert.

Befragt nach dieser spielrelevanten Szene sagte der Lübecker Held Hollerieth vielsagend: „Warum der Schiedsrichter gepfiffen hat, kann ich auch nicht sagen. Ich habe den Ball nicht festhalten können und nach vorn abprallen lassen. Dann weiß ich nur noch, dass ich einen Schlag verspürt habe und der Ball im Tor lag.”

Für Emmerling war diese Szene nur ein Mosaiksteinchen, sozusagen die Krönung eines völlig missratenen Fußball-Nachmittags: „Wir brauchen diese Situation nicht bemühen. Wir haben insgesamt als Kollektiv versagt. Kein Spieler hat Normalform erreicht”, so sein niederschmetterndes Urteil. Als Emmerling diese Worte im VIP-Zelt bitter enttäuscht äußerte, hatte Kadah die Entscheidung zum 2:0 für Lübeck (80.) längst besorgt. Ausgerechnet Kadah, dessen peinlichste der drei Strafraum-Schwalben (Reichwein 30./Klasen 33.) mit Gelb geahndet wurde.

Lübeck, gegen das Kickers die letzten acht Punktspiele allesamt verlor, könnte für Emden das „zweite Wilhelmshaven” werden: Beide Saisonspiele gegen den BSV gewonnen, sang- und klanglos abgestiegen, aber Emden in der Endabrechnung den Zweitliga-Aufstieg verhagelt. Aber, so Zedi: „Noch ist alles möglich.” Zunächst muss erst einmal die Qualifikation zur 3. Liga unter Dach und Fach gebracht werden. Mit der gezeigten Leistung vom Samstag wird das schwer genug.

28.04.2008, 11:51 Uhr