Fußball
Einblick in WM

Spiegelbild großer Träume

Die Vorbereitungen zur Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar laufen. Eine Ostfriesen machte sich einen Eindruck auf das bevorstehende Großereignis.

Von Elke Schoolmann

Flutlicht zieht Schlieren durch den wärmegetränkten Abendhimmel, Fahnen und Palmen wehen im Wind. Anzeigetafeln leuchten verheißungsvoll, wenige Minuten bis zum Anpfiff. Da ist er spürbar, dieser magische Sog, den ein Stadion auf Menschen ausüben kann, die Fußball lieben.

Dennoch ist es merkwürdig ruhig um das Thani Bin Jassim Stadium in Gharafa. Das Ausrufen der Spielernamen des Stadionsprechers nimmt die überschaubare Zahl der Zuschauer zur Kenntnis, die Mannschaften Al Duhail Sports Club und Qatar SC werden bei der Partie der Qatar Stars League beim Einlaufen mit etwas Applaus begrüßt. In der mit 25 000 Plätzen als Nicht-WM-Stadion recht großen Spielstätte trommeln dafür Inder zu arabischem Gesang in immer gleicher Intensität. „Die werden dafür bezahlt, die machen ihren Job“, erzählen mir einige Besucher.

In der Tat berichteten bereits 2015 deutsche Boulevardmedien, dass Katar sich „Stadien vollkaufe“. Das ist bei Joseph Baker und seinen Kindern Max (9) und Rose (6) ganz bestimmt nicht der Fall. Der 44-jährige Arzt aus den USA, der seit neun Jahren in Katar lebt und arbeitet, unterstützt den erst 2009 gegründeten Verein Al Duhail Sports Club (zuerst Lekhwiya), der Anfang des Jahres den kroatischen Star-Stürmer Mario Mandzukic verpflichten konnte, mit vollem Engagement. So oft es geht, besucht Baker Live-Spiele des Clubs, sein Sohn Max ist bei den Jüngsten in der vereinseigenen Akademie aktiv. „Die Möglichkeiten der Talentförderung in Katar sind wirklich herausragend“, ist Baker dankbar. „Überall ist spürbar, welche Bedeutung Katar dem Sport beimisst”.

Wohl auch wegen des Anspruchs, das größte Sportzentrum der Welt zu werden. Schließlich möchte sich das Land mit der Größe von etwa halb Hessen, in dem insbesondere Ende der 1960er Jahre riesige Erdöl- und -gasvorkommen entdeckt wurden und das heute als reichstes Land der Welt gilt, bereits jetzt für die Zukunft wirtschaftlich breiter aufstellen.

Mit dem ultramodernen und überdimensionalen Trainingszentrum Aspire Academy als Teil der Aspire Zone, einer Sportstadt nahe Doha, hat es dazu optimale Bedingungen geschaffen. Die talentiertesten Jugendlichen können nach einem Sichtungsverfahren ein Stipendium für die Akademie erhalten. Die Anlage wird auch von europäischen Top-Fußballclubs wie dem FC Bayern München und Paris St. Germain als Trainingslager genutzt.

Hier treffe ich Iddrisu Osman. Der 30-Jährige aus Ghana, der seit eineinhalb Jahren wieder in Doha lebt, trainiert zurzeit auf einem der Plätze der Anlage für seinen immer noch großen Traum und erzählt seine bewegte Geschichte. In der Heimat Ghana habe er sein Leben lang Fußball gespielt und sei dort 2012 von einem angeblichen Fußballagenten angesprochen worden, der auf der Suche nach Talenten für Katar war. Nach einer Zahlung von rund 2000 Dollar (ungefähr 1800 Euro) und den Visa-Formalitäten landete Osman sechs Monate später mit ein paar weiteren Spielern aus Ghana in Doha. Tatsächlich hätten sie sich dann wenig später als Arbeiter bei einer Baufirma wiedergefunden, für die sie zwei Jahre für magere Bezahlung schufteten und mit vielen Männern in einem kargen Zimmer untergebracht waren, wie er sagt.

Zwei Jahre später habe er gekündigt und dann von Ghana aus versucht, nach Europa zu gelangen. Alles im Namen seines Fußball-Traums. „Zwei Jahre habe ich es erfolglos versucht, es war teuer, gefährlich und ich habe furchtbare Dinge gesehen. 2018 bin ich über meine zuvor in Katar geknüpften Kontakte zurückgekehrt“, erzählt Iddrisu Osman. Er schaut sich um, blickt auf das gepflegte Grün in dem auf Hochglanz getrimmten, glitzernden Sporttempel: „Durch die bevorstehende WM nimmt der Fußball eine außerordentliche Rolle ein. Wo sollte ich hin? Fußball ist mein Leben.“

Über die „Qatar football association“ habe er die Gelegenheit bekommen, eine Zeit lang in der Aspire Academy trainieren zu können. Auch wenn die Chance, noch von einem Trainer oder Scout entdeckt zu werden, bei einem mageren Prozent liege. „Ich habe mein ganzes Leben auf diesen Traum hingearbeitet.“

Der ganz große Fußballtraum wurde für Katar 2010 wahr, als das Land bei der WM-Vergabe für 2022 den Zuschlag erhielt. Seitdem werden nach den Designs berühmtester Architekten Stadien umgebaut (Khalifa International Stadium und Al Rayyan Stadium in Ar Rayyan) oder mit dem Al Bayt Stadium in Al Chaur, dem Al Thumama Stadium in Doha, dem Al Janoub Stadium in Al Wakra, dem Education City Stadium und dem Ras Abu Aboud Stadium in Doha sowie dem Lusail Iconic Stadium in Lusail komplett neue errichtet. Bei manchen Stadien entsteht drum herum erst die neue Stadt. Hier kommen spektakuläre Materialien, gebracht in Massen an Schiffscontainern, zum Einsatz. In modularer Bauweise baut Katar seine Stadien, das soll den anschließenden Rückbau einiger Stadien erleichtern. Einige davon sollen anschließend an Entwicklungsländer gespendet werden. Menschenrechtler verweisen immer wieder auf die Situation der Arbeiter. Sie sollen unter teils unwürdigen Bedingungen und mangelnder Bezahlung Stadien und Infrastruktur aus dem kargen Boden der Wüste stampfen müssen. So wie es Iddrisu Osman erlebt hat.

Katar hat auch ein modernes Stadtbahnsystem entstehen lassen, das die Anbindung an die Stadien gewährleistet. Kern dieses Systems ist die erst vor wenigen Monaten eröffnete Doha Metro. Auch wenn es tagsüber auf vielen Strecken der Schnellbahn recht ruhig ist, macht es den Taxifahrern, die bereits große Konkurrenz durch den privaten Fahrgastdienst Uber haben, das Leben schwer. Das erzählt der 49-jährige Latif aus Pakistan, der seit vielen Jahren in Doha für einen Limousinen-Service arbeitet und Geld nach Hause schickt. Latif ist gut gelaunt. Während der Fahrt sprechen wir per Video-Call mit seiner Frau und seinem erwachsenen Sohn. Anschließend möchte ich wissen, wie Latif die WM 2022 in Katar sieht. „Irrsinn, was da für rund vier Wochen gebaut wird. Wie viel Geld da verpulvert wird“, sagt er. Natürlich sei es gut, dass die Infrastruktur ausgebaut werde. Aber diese Dimensionen seien fast nicht zu begreifen. Vor allem nicht im Hinblick auf so viel vorhandene, wirkliche Armut in der Welt.

Die bevorstehende Winter-WM sorgt nicht nur für einige Turbulenzen in der Terminplanung bei den europäischen Ligen. Auch die Ausrichtung in einem Land ohne große Fußballtradition muss sich das kleine Emirat anhören. Dabei wird die professionelle Fußballliga, heute unter dem Namen „Qatar Stars League“, bereits seit 1963 ausgetragen. Zurzeit umfasst die Erste Liga zwölf Teams. Der Meister qualifiziert sich mit dem Pokalsieger für die asiatische Champions League, der Tabellenletzte steigt in die zweite Liga ab, auch Relegationen werden gespielt. Der Tabellenerste und Verfolger liefern sich hin und wieder im TV kleine Rivalitäten und schicken Spitzen an den Gegner.

Eigentlich ganz normales Fußball-Business, obgleich alles in anderem Rahmen als in Europa. Auch wenn angeblich zahlreiche Einwohner in Katar Kamelrennen und Falkenjagd dem Fußball vorziehen, wird dieser durch die überall platzierte Werbung und den die verbleibenden Tage runterzählenden Kalender in vielen Medien präsenter. Und nicht zuletzt durch die ersten fertiggestellten Stadien, die sicher ihre Anziehungskraft auf Fußballliebhaber aus aller Welt entfalten werden, allen Schlagzeilen zum Trotz.

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