Emden
Emder erzählen - Folge 1041

Zwischen zwei Welten

Der 73-jährige Wolfgang Henkelmann hat einen Schüleraustausch zwischen Emder Gymnasiasten und Schülern in Israel vorbereitet und durchgeführt. Es wurde ein regelmäßiger Austausch geplant, der im April 1999 beginnen sollte. Vor 20 Jahren flogen Lehrer und Schüler nach Israel und trafen auch ehemalige Emder Juden.

Emden. Vor etwa 20 Jahren startete der erste und bisher einzige Schüleraustausch zwischen Emden und Israel. Am 21. April 1999 hoben 16 SchülerInnen und zwei ihrer Lehrer der beiden Emder Gymnasien, Gymnasium am Treckfahrtstief (GaT) und Johannes-Althusius-Gymnsaium (JAG), mit dem Transavia-Flug 675 vom Amsterdamer Flughafen Schiphol ab und landeten nach einem 4 ½ Stunden dauernden Flug in Tel Aviv.

Nach zweistündiger Busfahrt erreichten wir Nazareth, die größte arabische Stadt im Norden Israels, in Galilea. Es ging zunächst zum Empfang in die Schule, wo wir die jeweiligen Austauschpartner kennen lernten, und dann ab in die Familien. Ausschlafen und Eingewöhnen war angesagt.

Die Vorbereitungen

Entscheidend für diesen Austausch mit einer israelischen Schule waren die längerfristigen Bemühungen des Arbeitskreises „Juden in Emden e.V.“ und die Unterstützung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Aurich.

Als Lehrer war ich mit Marianne und Reinhard Claudi bekannt, die vom Arbeitskreis aus die Geschichte der ehemaligen Emder Juden aufarbeiteten und von daher ein historisch-politisches Interesse daran hatten, persönliche Beziehungen zwischen Emdern und Israelis aufzubauen und zu fördern. Zusammen mit dem Kollegen Albert Riddermann vom JAG erklärte ich mich bereit, die Vorbereitungen zu einem Schüleraustausch in Angriff zu nehmen.

Mir lag als Geschichtslehrer viel daran, dasjenige Land kennen zu lernen, das die politische Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich zog, das täglich in den Nachrichten vorkam, aber darüber hinaus uns historisch und kulturell höchst interessant schien. Die Gelegenheit, ins Heilige Land zu reisen, wollte ich mir nicht entgehen lassen, auch wenn ich später feststellte, dass es gar nicht so heilig war.

Im Herbst des Jahres 1997 nahmen Kollege Riddermann und ich deswegen gezielt an einer Fortbildungsveranstaltung der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung teil. Sie trug den Titel „Frieden braucht Verständigung – Partnerschaftsaktivitäten mit israelischen und palästinensischen Schulen“.

Auf einer 14-tägigen Studienfahrt durch das Land Israel und die palästinensischen Gebiete lernten wir viel hinzu, hauptsächlich natürlich in den zahlreichen Begegnungen mit den Menschen. Also den Kibbuz-Bewohnern, die wir in ihrem großen Speisesaal trafen, den ehemaligen Emdern, die als Juden aus Deutschland fliehen mussten und in Israel eine neue Heimat gefunden hatten, den jüdischen Siedlern auf den Golanhöhen, wo wir koscheren Wein probieren konnten, den Drusen an der Grenze zu Syrien, die ihren Verwandten auf der syrischen Seite über den Stacheldrahtzaun zuwinkten, dem stellvertretenden Bürgermeister Jerusalems, den Bewohnern einer jüdischen Siedlung in der Westbank, die angeblich auf von Gott versprochenem Land lebten, den Lehrern einer heruntergekommenen palästinensischen Schule in Bethlehem, den Vertretern eines Beduinendorfes, das vom Staat Israel nicht anerkannt wurde, den Sprechern von Organisationen, welche die Menschenrechtslage in Israel und Palästina kritisch untersuchten, den Bewohnern des Friedenszentrums Newe Shalom, das von Juden und Arabern betrieben wurde. Diese Begegnungen versorgten uns mit konkreten Informationen über die Lebenssituation der einzelnen Menschen und der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, also derjenigen, die diesen Staat Israel aufgebaut hatten und ihn bewohnten, und auch derjenigen, die unter seiner Besatzungsmacht zu leiden hatten.

Friedlich nebeneinander: Ein palästinensischer und ein jüdischer Israeli

Unsere israelischen Betreuer, Dalia und René, waren weltoffene liberale junge Leute, die uns mit viel Sachkenntnis und Humor durch ihr Land führten, die aber auch die politischen Spannungen ertragen mussten, als sie zum Beispiel bei unserem Besuch in Ramallah nicht mit durch die Stadt und ins Restaurant gingen, weil sie als Juden um ihr körperliches Wohlbefinden Angst hatten. Zugleich machten sie ihre Vorbehalte gegenüber der israelischen Regierungspolitik sehr klar.

Als äußerst eindrucksvoll empfand ich zwei Situationen: Die eine, als ich mit einem ehemaligen Emder Juden im Café in Netanya saß. Er erzählte mir auf Deutsch von seiner Kindheit in Emden, seiner Flucht nach Palästina und von seinen jetzigen großen Vorbehalten gegenüber der deutschen Sprache. Und dann nahm er mich in seinem Auto mit, legte eine Kassette ein, und ich hörte Zarah Leander singen, auf Deutsch.

Die andere Situation ergab sich, als vor uns Lehrern ein palästinensischer und ein jüdischer Israeli saßen – beide Hochschuldozenten in Israel – und aus ihrer jeweiligen Perspektive die Geschichte ihres Staates und ihr eigenes Leben ausbreiteten. Sie saßen friedlich nebeneinander und legten doch die Wurzeln eines Konflikts frei, der spätestens seit 1948 Juden und Palästinenser in blutige Auseinandersetzungen trieb und 1997, also bei unserer Ankunft, noch nicht gelöst war. Die höchst unterschiedlichen Erzählungen dieser Geschichte und ihre Auswirkungen auf Juden und Palästinenser haben zu diesem Zeitpunkt meine persönliche Sicht auf Israel in mancher Hinsicht stark in Frage gestellt. Ich war beeindruckt von Land und Leuten, von der Stadt Jerusalem und einer Wüstentour, von den archäologischen Ausgrabungsstätten und der Pflanzen und Tierwelt, aber ich kehrte nach Deutschland mit einem veränderten Bild des Nahostkonflikts zurück. Hatte ich als Göttinger Student im Jahr 1967 noch den Sechs-Tage-Krieg verfolgt und erleichtert den Sieg Israel registriert, beobachtete ich nun, dass die palästinensische Minderheit in der israelischen Gesellschaft rechtlich und sozial benachteiligt und in der Westbank eine knallharte Besatzungspolitik betrieben wurde.

Besuch in Deutschland

Ein Jahr später traf ich den israelischen Kollegen, der mein Austauschpartner sein sollte, zunächst in Bonn. Dorthin hatte der Pädagogische Austauschdienst PAD, eine Einrichtung der Kultusministerkonferenz, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Botschaft in Israel deutsche und israelische Lehrer eingeladen. Es sollten Schulpartnerschaften organisiert und Austausche verabredet werden. Dabei kam es dann gleich so, wie es kommen musste: Da unter den 18 Israelis die Mehrheit von 11 palästinensischen Lehrern gestellt wurde, beschwerten sich die jüdischen Kollegen heftig, sie seien unterrepräsentiert, und stellten ihren nationalen Konflikt sogleich ins Schaufenster. Unbeeinflusst davon bekam ich meinen palästinensischen Kollegen Malik Qupty per Los zugeteilt. Er war Lehrer an der Galilee Municipal High School in Nazareth. Seine Schule hatte bisher noch nicht an Austauschen teilnehmen dürfen. Für ein Wochenende nahm ich Malik Qupty mit nach Emden und zeigte ihm die Stadt und Ostfriesland. Wir sprachen mit den Leitern der beteiligten Schulen, Herrn Kracke (GaT) und Herrn Ohm (JAG), und dem Oberbürgermeister Alwin Brinkmann, der zwar keine finanzielle Förderung, aber guten Willen anbieten konnte und einen Brief seines Amtskollegen aus Nazareth freundlich entgegennahm.

Nicht alle Mitglieder des Vereins „Juden in Emden e.V.“, mit denen wir Kontakt hatten, waren mit dem Ergebnis unserer Austauschbemühungen einverstanden. Das sei kein richtiger Israel-Austausch, wurde uns entgegnet. Und hinter vorgehaltener Hand wurde wegen unserer arabischen - also nicht jüdischen - Partner auch klare Ablehnung geäußert, sodass sich die finanzielle Förderung doch in Grenzen hielt.

Es traf sich gut, dass die Gedenkveranstaltung zum 8. November 1938 in diesem Jahr 1998 einen besonderen Charakter hatte: die Umbenennung der Webergildestraße in Max-Windmüller-Straße unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Brinkmann und die Aufführung der KZ-Kinderoper Brundibár durch die Musikschule Emden in der a Lasco-Bibliothek. Für Malik Qupty zeigte sich ein beeindruckender Umgang der Emder Bürgerschaft mit ihrer jüdischen Geschichte. Er konnte sich gut vorstellen, eine Partnerschaft zwischen seiner und den Emder Schulen langfristig anzulegen. Wir planten also einen regelmäßigen Austausch im Zweijahresrhythmus mit Start im Jahr 1999 und verabschiedeten uns bis dahin.

Große Skepsis seitens der Schüler vor dem Austausch

Die Attraktivität Israels für unsere Austauschvorhaben hatten Kollege Riddermann und ich allerdings überschätzt. In dieser Zeit, in welcher der Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern ins Stocken geraten war, traf die Werbung unter den Schülern der 11. Klassen von GaT und JAG auf recht große Skepsis. Auf unseren Informationsveranstaltungen wurde deutlich, dass die Angst vor Attentaten und Bombenanschlägen groß war, und viele Eltern zögerten, ob sie ihre Kinder in diese gefährliche Gegend schicken sollten. Letztlich erreichten wir nicht die gewünschte Zahl von 20 Schülern, obwohl dies aus Sicht unserer israelischen Partner die Mindestzahl sein sollte.

Aber da schlenderten wir nun also am 22. April 1999 durch die schon sommerlich warme Altstadt Nazareths, die 16 Emder Schülerinnen, mein Kollege Riddermann und ich. Auf der Fahrt nach Amsterdam hatte es noch geregnet, hier aber entschädigte uns die Nach-Feiertagsstimmung. Überall waren rund um den Unabhängigkeitstag jüdische Picknickgruppen und die Nationalflagge zu sehen. „Meinen Namen kann sich keiner merken“, stöhnte ein Schüler, als wir die ersten Eindrücke von der Aufnahme durch die palästinensischen Gastgeber sammelten. „Sie hat mir geschrieben, sie habe zwei Schwestern. Aber von den sechs Brüdern hat sie nichts gesagt“, fügte eine Schülerin hinzu. Für einen anderen ließen sich die bisherigen Erfahrungen in dem Satz zusammenfassen: „Ich habe die Gastfreundschaft genossen.“ Die Eingewöhnung wurde uns auch durch Deutsch sprechende Kollegen erleichtert, einmal Riad Massarwi, Leiter des Kulturinstituts der Stadt Nazareth, der in der 70er Jahren in Leipzig / DDR studiert hatte, und Nabila Espanioly, Leiterin eines Kindergartens und in der BRD ausgebildete Sozialarbeiterin. Ihr sollte ich Jahre später als Knesset-Abgeordnete begegnen.

Auch den Empfang durch den Bürgermeister brachten wir hinter uns und bekamen viele Informationen über die Stadt und ihre Geschichte, in der Jesus aufgewachsen ist und die sich mit großer Anstrengung auf das Jahr 2000 vorbereitete. Die Bautätigkeit war auffallend, die Altstadt wurde ausgebaut und aufgemöbelt, Hotels entstanden für Hunderttausende von Pilgern, die für das nächste Jahr erwartet wurden.

In der Stadt Nazareth bemerkten wir schnell – ob auf dem Basar oder in den verwinkelten Gassen -, dass hier die stärkste arabische Gemeinde des Staates Israel ansässig ist, obwohl in den 50er Jahren die Bevölkerungszahl vor allem durch forcierte Ansiedlung von Juden im neuen Viertel Nazareth Illit in die Höhe schnellte. Dennoch war zu sehen, dass der Stadtkern, in einem natürlichen Trichter gelegen, von Kirchen dominiert wurde, hauptsächlich von der Verkündigungskathedrale.

Wie mein Kollege Malik Qupty waren viele Palästinenser koptische Christen, sodass auch im Schulalltag Mädchen mit und ohne Kopftuch nebeneinander saßen.

Unterkunft in der Gastfamilie

Ich war im Haus meines Kollegen untergebracht, mein Bett war in seinem Arbeitszimmer aufgebaut, ich versuchte, mich ins Familienleben mit drei Mädchen und einem Jungen zu integrieren. Malik Quptys Frau Sawsan arbeitete ganztägig als Bankangestellte, und so musste jeder mit anpacken. Auch die Nachbarn schauten gerne ins Haus, begrüßten mich und blieben zu einem längeren Schwatz. Die Kinder lernten in ihrem von Juden getrennten Schulsystem neben ihrer Muttersprache Arabisch noch Hebräisch und Englisch und waren sprachlich recht fit. Ihre Namen musste ich mir hingegen erst mühsam einprägen. Auch konnte ich mir damals noch nicht ausmalen, dass ich 14 Jahre später, also 2013, Gast auf der Hochzeit der zweitältesten Tochter Ansam sein würde.

Wenn es auch für die Schüler nicht immer einfach und manchmal auch ermüdend war, die Ausflüge und Besichtigungen mit ausreichendem Interesse durchzustehen, war es doch anerkennenswert, mit welchem zeitlichen und finanziellen Aufwand uns unsere Gastgeber sowohl die zahlreichen Stätten des frühen Christentums als auch die Überreste ihrer palästinensischen Nationalgeschichte zeigten.

Natürlich besuchten wir Kanaan, Kapernaum und Tiberias, wir fuhren auf dem See Genezareth, und natürlich setzten wir unsere Füße in Ausgrabungen aus römischer Zeit oder der Kreuzfahrerepoche. Aber ebenso klar war, dass wir zum Beispiel die Überreste des Dorfes Safory zu sehen bekamen, dessen Ruinen von den kriegerischen Ereignissen des Jahres 1948 zeugen, für die jüdischen Israelis das Jahr der Staatsgründung und des Unabhängigkeitskrieges, für die Palästinenser dagegen Al Nakba, die Katastrophe, das heißt die Wahl zwischen Flucht aus Israel und Existenz als unterprivilegierte Minderheit.

Für die Schüler wurde der Konflikt, der innerhalb der israelischen Gesellschaft bestand, bei unseren Ausflügen in die nähere Umgebung augenfällig. Geplant war zum Beispiel von Malik Qupty, den Kibbuz Yifat zu besuchen, um etwas über die Pioniere der jüdischen Besiedlung Palästinas und die aktuelle Krise der Kibbuz-Bewegung zu erfahren. Wir wurden von der 1973 aus Deutschland eingewanderten Jüdin Gila empfangen, allerdings ohne unsere palästinensischen Partner, die keinen Zutritt erhielten. Gila führte uns durch das „Pioneer Settlement Museum“ und empfing uns bei einem Kaffee im parkähnlichen Gelände vor ihrem Haus. „Echt gemütlich hier! Ich könnt` wohl bleiben“, meinte einer unserer Schüler.

Gila lieferte uns Fakten über das Leben im Kibbuz, in dem 1.000 Menschen Landwirtschaft und Tourismus betrieben und Stoffe für eine deutsche Firma produzierten. Sie ließ auch erkennen, dass sie die bevorstehenden Parlamentswahlen kritisch sah und die Regierung Netanyahu als Instrument der radikal-fundamentalistischen Juden, die einen Ausgleich mit den Palästinensern verhinderten und die Gleichberechtigung der israelischen Araber blockierten, und dabei auf ihren Privilegien beharrten, der Befreiung vom dreijährigen Militärdienst und staatlicher Unterstützung. Sie und ihre Tochter konnten sich sogar eine Rückkehr nach Deutschland vorstellen, falls sich die politische Situation in Israel nicht verbesserte. Das sommerliche Wetter im Kibbz Yifat konnte uns nicht über die Risse in der israelischen Gesellschaft hinwegtäuschen. Selbst die liberalen Kibbuz-Bewohner schienen langsam die Geduld zu verlieren. Warum uns Deutschen trotz vieler Nachfragen und Telefonate kein kurzer Besuch der Kibbuz-Schule ermöglicht wurde, blieb uns bis heute ein Geheimnis.

Dass Israel ein Land voller Konflikte war, spürten wir auch in Nazareth selbst. Der Konflikt zwischen Palästinensern und Juden fand seinen lokalen Ausdruck in der engen Bebauung der Stadt, die kein neues Bauland genehmigt bekam, aber von Nazareth Illit eingeschnürt wurde, einer moderneren Neustadt, die mehrheitlich von Juden bewohnt wurde. Der innerpalästinensische Konflikt spielte sich offen auf dem Platz vor der Verkündigungskathedrale ab, wo die muslimische Gemeinde eine provisorische Moschee errichtet hatte und den christlichen Bürgermeister der Stadt beschuldigte, eine alte Moschee zu Gunsten eines Parkplatzes für Touristen abgerissen zu haben. Zusammenstöße und Schlägereien hatten stattgefunden, und die Aussichten für das Jahr 2000 waren stark getrübt.

Höhepunkte: Der Besuch in Jerusalem und in Yad Vaschem

Höhepunkt unserer Ausflüge war sicherlich Jerusalem, Heilige Stadt von drei Weltreligionen. Die Grabeskirche, die Klagemauer und den Felsendom besuchten wir und tauchten ein in den unaufhörlichen Touristenstrom. Wir unterwarfen uns sowohl den strengen Sicherheitsvorkehrungen als auch den rigorosen Kleidervorschriften, was angesichts des hochsommerlichen Klimas nicht einfach war. Der Kampf um Einfluss in Jerusalem wurde für uns sehr deutlich, erkennbar an den Siedlern in ihren beflaggten und bewachten Häusern, an den Militär- und Polizeistreifen in der engen Altstadt und an den Kontrollen gegenüber der palästinensischen Bevölkerung, auch gegenüber meinem Kollegen Qupty, der direkt neben mir scharf nach seiner Herkunft und dem Grund seines Kommens befragt wurde.

Emotional berührend empfand ich den Besuch in Yad Vaschem. Auch als nachgeborener Deutscher war ich beschämt ob der Verbrechen, die meine Vätergeneration begangen hatte. Sowohl meine Heimatstadt Hameln als auch Emden fand ich in die Mauer gemeißelt, die auf die jüdischen Gemeinden hinwies, die vor 1933 Teil der deutschen Gesellschaft waren und im Holocaust untergingen. Auch manche Schüler sprachen hinterher von einem seltsamen Gefühl, als erkennbar Deutscher unter Juden durch das Museum zu gehen, deren Vorfahren der Vernichtungsmaschinerie der Deutschen zum Opfer gefallen waren.

Abschied und Wiedersehen beim Gegenbesuch

Nach 14 Tagen, also am 5. Mai 1999, traten wir nach herzzerreißendem Abschied – die Fotos zeugen noch heute davon – die Rückreise an. Nach pingeliger Durchsuchung des Gepäcks und dem Röntgen der geschenkten Kuchen und Torten hoben wir gen Amsterdam ab, betraten am folgenden Tag gegen 7 Uhr wieder ostfriesischen Boden, schenkten uns den eigentlich fälligen Schulbesuch und schliefen den Schlaf der Gerechten.

Der Gegenbesuch unserer israelischen Partner erfolgte vom 2. bis 16. Juli. Wir bemühten uns, ein attraktives Programm zu bieten: Rundflug über Emden, Wattwanderung, Fahrt nach Hamburg und Empfang durch die Hamburger Senatskanzlei, Hafenrundfahrt mit der Hamburger Senatsbarkasse, Stadtführung in Emden inklusive a Lasco-Bibliothek mit ihren arabischen Büchern, Gang über den jüdischen Friedhof, Besichtigung von Fachhochschule, Nordseewerken und VW-Werk, Besteigung eines Windrotors im Windpark Holtriem, Freilichtmuseum Moordorf, Workshop in der Kunsthalle Emden und so weiter.

Einen festen Platz in der Erinnerung hat heute immer noch das Zusammentreffen in der a Lasco-Bibliothek mit dem palästinensischen Erzähler Salim Alafenisch, Beduine, geboren in Nazareth, seit 1973 in Deutschland, mit einer Deutschen verheiratet, Vater von zwei Töchtern, die zweisprachig aufwuchsen. Unsere palästinensischen Austauschpartner führten ein lockeres Gespräch mit ihm und nahmen seine Erfahrungen des Lebens in zwei Kulturen neugierig auf.

Unsere Pläne, den Austausch zwischen Emden und Nazareth alle zwei Jahre durchzuführen, sind gescheitert. Weniger an finanziellen Problemen – die Zahl der Sponsoren hatte sich tatsächlich in engen Grenzen gehalten – als vielmehr an der Verschärfung der Konfliktsituation in Israel. Als ich und eine JAG-Kollegin im Jahr 2001 einen erneuten Versuch unternahmen, Emder Schüler für eine Reise nach Israel zu gewinnen, wurde schnell klar, dass die möglichen Gefahren viele Eltern abschreckten, ihre Zustimmung zu geben.

Gratulation zum Aachener Friedenspreis

Fünf Jahre später traf ich die palästinensische Israelin Nabila Espanioly erneut. Bei einem privaten Aufenthalt in Nazareth gratulierte ich ihr zur Auszeichnung mit dem Aachener Friedenspreis, den sie zusammen mit dem jüdischen Israeli Reuven Moskovitz erhalten hatte. Im Büro ihres Frauenzentrums mit angeschlossenem Kindergarten führte uns unser Gespräch auf die schwierige Situation der Nachkriegsdeutschen, die aus ihrer Verantwortung für die Verbrechen der Tätergeneration Konsequenzen ziehen wollten und dem neu entstandenen Staat Israel ihre Solidarität bekundeten. In diesem neuen Israel hatten viele der jüdischen Überlebenden des Dritten Reiches ihre neue Heimat gefunden, sahen sich dann aber einer feindlichen Mehrheit arabischer Staaten gegenüber. Überraschend fügte Nabila Espanioly hinzu: „Aber auch die Solidarität mit den Opfern der Opfer ist wichtig!“

In diesem Augenblick sprachen wir jedoch nicht über die Besatzungspolitik der israelischen Regierung in der Westbank und dem Gaza-Streifen, die von Rücksichtslosigkeit gegenüber den palästinensischen Zivilisten geprägt ist und aus den Städten und Dörfern Gefängnisse macht. Als Nabila Espanioly von Opfern sprach, meinte sie die Reste der palästinensischen Bevölkerung und ihre Nachfahren, die trotz der zionistischen Einwanderung und der Staatsgründung Israels im Lande blieben. Wir redeten also über die Situation der arabischen oder palästinensischen Israelis, die zwar israelische Staatsbürger waren, nach ihrer Meinung aber Bürger dritter Klasse. Heute, also 20 Jahre nach unserem Austausch, gibt es Fortschritte. Für mich als Lehrer sind interessant die Hand-In-Hand-Schulen vom jüdisch-arabischen Zentrum für Erziehung in Israel, das ein integriertes bilinguales Schulsystem aufbauen möchte. Wie sich die Emder Schüler erinnern, die an unserer Reise nach Israel teilgenommen haben, weiß ich nicht. Ich selbst bin in den folgenden Jahren mit meiner Frau mehrfach nach Israel und in die Westbank gereist, weil sich die freundschaftlichen Kontakte zu den Kollegen vor Ort bis heute erhalten haben. Und: Vielleicht ergibt sich bald ein neuer Aufenthalt, denn eine Tochter und ein Sohn Malik Quptys sind noch nicht verheiratet.

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