Emden

Strömung zog Emder Jungen in den Dollart

Der ausgiebige Sucheinsatz nach dem Achtjährigen ist gestern Mittag 20 Stunden nach dem Badeunfall ergebnislos beendet worden.

Von EZ-Redakteur

MANFRED ULFERTS

Emden. Ein Junge aus Emden, acht Jahre alt und Nichtschwimmer, ist am Sonnabend gegen 18 Uhr beim Baden an der Knock im Bereich der Kaimauer des AG Ems-Anlegers vor dem Restaurant „Strandlust” im Wasser untergegangen und mit der starken Strömung im Dollart verschwunden. „Wahrscheinlich ist das Kind mit ablaufendem Wasser ins Meer gezogen worden”, sagte der stellvertretende Leiter der Feuerwehr Emden, Ingo Tuitje, der Emder Zeitung. Zum Unfallzeitpunkt war Ebbe, so dass der Junge im Watt auf etwa dreiviertel der Kaimauerlänge hinauslaufen konnte.

Bis Einbruch der Dunkelheit gegen 22 Uhr hat ein Großaufgebot von Rettungskräften an Land, im Wasser und in der Luft nach dem vermissten Jungen gesucht. Der am gestrigen Morgen fortgesetzte Sucheinsatz nach dem vermissten Kind wurde am Sonntagmittag gegen 13.30 Uhr, wie die Polizeiinspektion (PI) Leer/Emden mitteilte, offiziell beendet. Ein Arzt habe keine Chance mehr gesehen, den Jungen noch lebend zu finden. Er befindet sich vermutlich seit mehr als 20 Stunden im Wasser. Es könne auch keinerlei Berechnungen angestellt werden, wo sich der menschliche Körper befinden konnte.

Eltern nicht vor Ort

Wie der stellvertretende PI-Leiter Martin Rangnow gestern Vormittag in einer Pressekonferenz mitteilte, war der Achtjährige ohne seine Eltern unterwegs. Ein Verwandter der Familie habe ihn begleitet, sei aber zum Zeitpunkt des Unglücks nicht in seiner Nähe gewesen. Er habe den Jungen noch versucht zu retten und sei ins Wasser gesprungen. Ob er ihn untergehen sah oder einfach nur sein Verschwinden bemerkt hatte, war noch nicht klar. Erst danach habe der Mann im Strandcafé den Notruf abgesetzt. Der Verwandte stehe unter Schock und habe noch nicht zu den genauen Umständen des Unglücks befragt werden können. Laut Polizei müssten die weiteren Ermittlungen zeigen, ob er sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten muss. Derzeit sprechen die Retter noch von einer Vermisstensuche.

„Nach unseren bisherigen Erkenntnissen”, so Rangnow, habe sich der Junge komplett bekleidet nahe dieser Landemole aufgehalten, als es zu dem Unglück kam. Rangnow: „Ob er baden gehen wollte oder beim Spielen ins Wasser gegangen ist, wissen wir nicht.” An der Stelle falle das Ufer zwar nur leicht ab. Es herrsche aber eine starke Strömung, die den Jungen vermutlich ins Wasser gezogen habe.

In einigen Punkten unterscheidet sich die Darstellung der Polizei von Aussagen aus dem Umfeld der betroffenen Familie gegenüber der Emder Zeitung. Demnach hätten zwei weitere Kinder - ein fremdes Mädchen und die sechsjährige Tochter von dem Cousin des Jungen - mit dem vermissten und nur mit einer Badehose bekleideten Achtjährigen im Wasserbereich gespielt. Dann sei der Junge weiter ins Wasser gegangen und vom Sog erfasst worden.

Eine etwa zwei Meter entfernt stehende Verwandte - die Ehefrau von dem Cousin - habe den Vorfall sofort bemerkt und um Hilfe geschrien. Sie habe noch den Haarschopf des Jungen gesehen, sei hinterher gesprungen, ihn aber nicht mehr zu fassen bekommen. Ihre Schwester und ihr Ehemann seien auch noch in der gefährlichen Strömung bis zur Ecke der Mole hinterher geschwommen. Ohne Erfolg. Zwischenzeitlich hatte die Mutter der beiden Frauen über die „Strandlust” die Polizei angerufen. Die Eltern des vermissten Jungen, die noch vier weitere Kinder haben, stehen unter Schock.

Starke Strömung

„Das Baden ist dort verboten, Schilder weisen darauf hin”, sagte Rangnow. Allerdings sei bekannt, dass an dieser Stelle immer wieder gebadet werde (siehe Bericht auf dieser Seite). Direkt neben der Mole ist vor dem nahe gelegenen Strandcafé großflächig Sand aufgeschüttet. Kleine Kinder bauen dort Burgen, während ihre Eltern auf der Terrasse des Cafés sitzen. „Die Strömung ist hier schon extrem und reißt einen voll weg”, sagte der stellvertretende Leiter der Tauchergruppe, Reno Oostinga, gegenüber der EZ. Die Strömungsgeschwindigkeit, das bestätigte auch der Leiter der Emder Wasserschutzpolizei, Arne Peper, war zum Zeitpunkt des Unfalls etwa zwei Knoten, das sind 3,5 Stundenkilometer, stark. „Da hat man keine Chance”, sagte ein Beamter der Wasserschutzpolizei. Peper: „Die Wassertemperatur lag zwischen 16 und 18 Grad.

10 Meter tief getaucht

Die Taucher sind bis zu zehn Meter tief getaucht und haben den Bereich der Kaimauer und die Molenköpfe abgetastet. Die Sicht unter Wasser sei extrem schlecht. Aufgrund der starken Strömung werden die Taucher mit Seilen und durch zusätzlichen Sicherheitstaucher gesichert. Oostinga: „Und ein Rettungsdienst muss bei unseren Taucheinsätzen stets vor Ort sein.” Fast eineinhalb Stunden - von 18.30 bis 19.50 Uhr - waren die Taucher, durchschnittlich bis zu 25 Minuten, im Einsatz. „Wir konnten wegen der Strömungsverhältnisse und des glitschigen Meeresgrundes nicht im offenen Meer tauchen”, sagte Oostinga.

Die sofort alarmierten Einsatz- und Rettungskräfte machten sich auf die Suche nach dem Jungen. Drei Hubschrauber - der Polizeihubschrauber, der SAR-Hubschrauber „Christoph 26” aus Sanderbusch und die Bundespolizei - , neun Emder Feuerwehrtaucher, das Bundespolizeischiff „Bad Bramstedt”, der Seenot-Rettungskreuzer „Alfried Krupp”, die Wasserschutzpolizei Emden mit einem Einsatzboot, das eigentlich die Emssperrung überwachen sollte, ein Zollboot, ein niederländisches Rettungsboot sowie ein Schlauchboot der Feuerwehr und andere Schiffe suchten weiträumig den Wasserbereich rund um den Anleger ab. Die hauptamtliche Wachbereitschaft der Emder Feuerwehr war mit vier Fahrzeugen und acht Mann, die Freiwillige Feuerwehr Wybelsum/Logumer-Vorwerk mit drei Fahrzeugen und 19 Mann ebenso vor Ort wie der Rettungsdienst mit zwei Wagen sowie ein Seelsorger, der sich um Mutter und Vater des vermissten Kindes kümmerte.

Suche auch nachts

Erschwerend kam bei der Suche nach dem Jungen hinzu, dass das Wasser gegen 20 Uhr kippte - von Ebbe auf Flut. Ab da konzentrierte sich die weitere Suche auf die offene See. Bis Einbruch der Dunkelheit suchten Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr Wybelsum/Logumer-Vorwerk auch noch den Bereich der Deichlinie ab. Das Bundespolizeischiff „Bad Bramstedt” war auch in der Nacht auf Sonntag weiter im Einsatz. Mit Wärmebildkamera wurde die Suche fortgesetzt.

P Die Einsatzleitung der Suchaktion lag in den Händen des Bundespolizeischiffes „Bad Bramstedt”. Das in Cuxhaven beheimatete Schiff war mit Kommandant Olaf Juhl auf der Ems und im Bereich der Knock unterwegs, als die Suchmeldung nach dem Jungen ausgelöst wurde. Zur Frage, warum das Bundespolizeischiff überhaupt im Dollart unterwegs war, sagte Peper: „Das ist nichts Besonderes. Das kommt schon mal vor.” In diesem Fall lief dann die Rettungskoordination für alle Wasserfahrzeuge auf dem Dollart über die MRCC-Leitstelle in Bremen.

Kommentare
FOLGEN SIE UNS
Anzeige

KONTAKT ZU UNS

Sie ziehen um oder es gibt Probleme bei der Zustellung? Dann finden Sie Hilfe in unserem Servicebereich

Zum Servicebereich

Sie möchten direkten Kontakt zu einer Abteilung aufnehmen oder haben Anregungen? Dann finden Sie im Kontaktbereich die passende Adresse

Zum Kontaktbereich

AM SEEHAFEN

DER EZ-PODCAST

Aktuelles und Hintergründiges aus Emden und umzu.