Emden
3. Tourismusgipfel

Jetzt ist Kooperation statt Kirchturmdenken gefragt

Wie kommt der Städte- und Kulturtourismus im Nordwesten besser durch die Coronakrise? Beim dritten „Tourismusgipfel“ in Oldenburg ging es vor allem um mehr regionales Denken und Kultur als Wirtschaftsfaktor.

Von Ellen Kranz

Oldenburg. Weniger Kirchturmdenken und mehr regionale Zusammenarbeit: Diese Forderung stand im Mittelpunkt des dritten „Tourismusgipfels“. Im Foyer des Oldenburger Theater Laboratoriums stand diesmal der Städte- und Kulturtourismus im Mittelpunkt.

Der „Gipfel“ wurde gemeinsam von der Nordwest-Zeitung, der Emder Zeitung, dem Jeverschen Wochenblatt und dem Anzeiger für Harlingerland veranstaltet. NWZ-Chefredakteur Ulrich Schönborn führte als Moderator durch das Gespräch – wegen der Corona-Krise musste die Diskussionsrunde ohne Publikum stattfinden.

Der Bruch im öffentlichen Leben habe ein großes Stück Lebensfreude und Erlebnisqualität genommen, sagte Oldenburgs Oberbürgermeister Jürgen Krogmann. Mittlerweile gehe die Krise an die Substanz, vor allem bei kleineren Einrichtungen: Beim Städtetourismus gehe es allein in Oldenburg um einen jährlichen Umsatz von 400 Millionen Euro. „Nicht alle Löcher kann die Kommune stopfen“, sagte er.

Die Krise trifft auch Busunternehmen, die die Reisegäste zu Museen oder Theaterabenden bringen. „Die Lücken werden trotz der Lockerungen immer größer“, so Christoph Böckermann, geschäftsführender Gesellschafter des Oldenburger Bus- und Reiseunternehmens Sausewind. Viele Kunden hätten noch immer Angst, sich in ein Bus zu setzen.

Und diese Gäste fehlen dann in den Museen, wie Dr. Julia Schulte to Bühne, Direktorin des Museumsdorfes Cloppenburg, erklärte. Ob Schulen, Bustouristik oder Gäste von Großveranstaltungen – „es ging von Hundert auf Null“.

Einig war sich die Runde darüber, dass die Krise nicht so einfach verschwindet. „Der Virus bleibt – ein Impfstoff im nächsten Jahr wäre schön, darauf zu hoffen wäre Wahnsinn“, sagte Krogmann. Man müsse sich fragen, welche technischen und organisatorischen Möglichkeiten es gebe – doch nicht alle technischen und hygienischen Möglichkeiten würden wirtschaftlich funktionieren. Dennoch sieht der Bürgermeister einen Hoffnungsschimmer: Oldenburg sei mit einem sehr guten Haushalt in die Krise gegangen. Zumindest in diesem Jahr werde nicht gesparrt, im Übrigen seien 300 000 Euro beiseite gelegt worden, um notfalls einzuspringen.

Optimismus auch bei den Museen? „Die Politik hat erkannt, dass Kultur nicht das Sahnehäubchen ist, sondern auch Wirtschaftsförderung bedeutet“, sagte Schulte to Bühne. Werde Kultur gefördert, blieben 90 Prozent der Fördersumme in der Region – nicht nur wegen der Künstler. An der Kultur hänge eine lange Wertschöpfungskette, die von Hotellerie und Gastronomie bis hin ins Handwerk reiche.

„Die Denkweise hinsichtlich der Kultur hat sich verändert“, sagt auch Pavel Möller-Lück, künstlerischer Leiter des Theater Laboratoriums: „Die Gutsherrenbetrachtung ist vorbei – Kultur ist ein echter Wirtschaftsfaktor und ein Magnet für die Stadt.“

Hätte er ein Busunternehmen in Nordrhein-Westfalen, würde sich Oldenburg gut für eine eintägige Visite eignen auf dem Weg an die Küste – auch das Museumsdorf sei ein attraktives Reiseziel, betonte Christoph Böckermann.

Küste, Oldenburg, Museumsdorf – gibt es nun eine Möglichkeit, hier mehr zusammenzuarbeiten? Natürlich würden sich die Touristiker der einzelnen Kommunen und Städte kennen, sagte Krogmann. Doch eine Zusammenarbeit sei schwer – oftmals werde vor allem der eigene Kirchturm gesehen.

Dem stimmte auch Schulte to Bühne zu. Die Chance von Corona sei, Verbundausstellungen mit inhaltlichen Zusammenhängen zu organisieren und die Menschen dazu zu bringen, mehrtägige Reisen, vielleicht sogar einen ganzen Urlaub hier an der Nordsee und in der Küstenregion zu planen. Allerdings sei die Region – abgesehen von den Küstenorten – noch zu sehr auf Tagestourismus ausgelegt.

Möller-Lück gab einen weiteren Denkanstoß: Vor 20, 25 Jahren sei ein Theater Theater, ein Schauspieler Schauspieler und ein Konzert Konzert gewesen – dann hätten sich die Künste spartenübergreifend geöffnet. „Wir können uns auch wieder öffnen – wir sind sogar dazu gezwungen“, sagte er. Sein Wunsch sei, die Corona-Zwangspause für einen Puppen-Trickfilm zu nutzen. verriet Möller-Lück und appellierte an die Politik, neben allgemeinen Coronahilfen und gezielt Projekte zu fördern.

Er wisse nicht, wann es wieder Vorstellungen mit Publikum in seinem Haus gebe. Derzeit sei ein wirtschaftlicher Betrieb angesichts der Maßgaben zum Infektionsschutz nicht vorstellbar. Aber: „Untergehen werden wir nicht, das wissen wir ganz genau.“

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