Emden

Bauchgefühl und viele Argumente

Fast drei Stunden lang stellten sich am Montagabend die Verantwortlichen den Fragen der Bürger: Sie gaben Antworten pro Zentralklinikum, das in Georgsheil gebaut werden soll.

Ein Teil des Podiums: Hendrik Faust (Ärztlicher Direktor Emden), Dietmar Bretzler (Betriebsratschef Emden), Bernd Bornemann (Obe

Emden. Der Informationsbedarf zu einem von der Stadt Emden und dem Landkreis Aurich geplanten Zentralklinikum ist groß. Das wurde am Montagabend in der Emder Nordseehalle deutlich. Auch wenn die Teilnehmer auf dem Podium - sie alle befürworten eine Zusammenlegung der Krankenhäuser in Aurich, Norden und Emden - auf die aus dem Publikum gestellten Fragen antworteten, blieben doch bei manchem die Befürchtungen bestehen.

Ein Oberarzt aus dem Klinikum, der im Publikum saß, brachte es nach über zwei Stunden Frage und Antwort auf den Punkt: „Die Menschen hier haben viele Fragen gestellt, in denen deutlich wurde, wie sehr sie an ihrem Krankenhaus hängen und wie wichtig es ihnen ist und wie sehr sie die Versorgung schätzen. Wie kann man diese positive Haltung in ein neues Haus mit rübernehmen?” Wie das genau gelingen könnte, darauf wusste niemand eine Antwort. „Wir wollen diesen familiären Charakter natürlich erhalten”, sagte Emdens Oberbürgermeister Bernd Bornemann. Aber familiäre Strukturen zu übernehmen, sei schwierig und nur mit „viel Transparenz zu schaffen”, führte der Betriebsratsvorsitzende des Klinikums, Dietmar Bretzler, aus.

Um diese Transparenz waren die Podiumsteilnehmer bemüht. Neben Bretzler und Bornemann beantworteten noch der ehemalige Ärztliche Direktor des Emder Klinikums, Christoph Schöttes, der Ärztliche Direktor Hendrik Faust, der Geschäftsführer des Klinikums, Ulrich Pomberg, der Pflegedirektor Oliver Bungenstock, der Ärztliche Leiter des Emder Rettungsdienstes, Matthias Drüner und BDO-Gutachter Carsten Schäfer Fragen aus dem Publikum.

Etwa 350 Menschen kamen in die Nordseehalle. Darunter fanden sich zahlreiche Vertreter aus Politik, Verwaltung und Beschäftigte des Klinikums Emden. Klinikgegner, wie der Linken-Ratsherr Wilfried Graf, duften ihr Anti-Zentralklinikum-Plakat nicht mit reinnehmen.

Die meisten Fragen gab es, wie schon bei der Bürgerfragestunde der Emder Zeitung zu diesem Thema im Januar, zur Erreichbarkeit des Zentralkrankenhauses. Der OB und der Auricher Landrat Harm-Uwe Weber versprachen, dass die Straßenbelastung intensiv von der Landesbehörde überprüft werde und es, so Bornemann, „sicherlich eine Lösung gibt, wenn diese notwendig ist.” Notarzt Drüner machte immer wieder deutlich, dass die Erstversorgung der Patienten im Rettungswagen stattfindet. Auch heute schon müsse der Krankenwagen diese Strecke fahren, und er komme im Notfall immer durch.

Die Kosten für einen Neubau sind noch nicht genau beziffert, darauf wies Gutachter Schäfer hin. Man gehe von rund 250 Millionen Euro aus, die zum größten Teil das Land Niedersachsen zu zahlen habe.

Bretzler wie auch Faust, Schöttes und Pomberg wiesen auf die Schwierigkeiten hin, medizinisches Fachpersonal und Ärzte für die Zukunft zu bekommen. Alle vertraten die Ansicht, das Emder Haus alleine biete keine ausreichende zukunftsfähige Gesundheitsversorgung.

 

Hier unser Live-Ticker zum Nachlesen:

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Seit Wochen beherrscht der Streit die Politik: Sollte Emden sein Klinikum schließen und gemeinsam mit dem Kreis Aurich ein Zentralklinikum bauen? Die Politik, die Ärzteschaft und - laut Betriebsrat - auch die Belegschaft ist dafür. Die meisten Bürger allerdings dagegen. Sie befürchten lange Wege und eine schlechtere Versorgung. Heute Abend stehen unter anderem Rede und Antwort: Oberbürgermeister Bernd Bornemann, Aurichs Landrat Uwe Weber, Klinikums-Chef Ulrich Pomberg und Betriebsratschef Dietmar Bretzler.

21.33 Uhr: Jetzt wird es unschön: Aurichs Landrat watscht öffentlich eine Kritikerin ab, die danach fragte, ob denn geprüft wurde, alle drei Kliniken zu erhalten und zu spezialisieren. "Ich glaube, Sie waren auf einer anderen Veranstaltung. Oder Sie haben nicht zugehört. Natürlich haben wir das. Haben wir doch alle hier schon gesagt", schimpfte Weber, sichtlich genervt. Schadenfreudiger Applaus aus dem Publikum. Das war nicht nötig! Und jetzt wird die Veranstaltung fast zur Verkaufsveranstaltung: Der Moderator präsentiert die Klinikums-Website mit den Fragen und Antworten zum Zentralklinikum. Wieder Applaus. Die Kritiker sind inzwischen still.

21.24 Uhr: Frage: Wieviele Menschen werden Ihren Arbeitsplatz verlieren bei einem Zentralklinikum? Die Zahl 500 geistert durch die Medien, heißt es vom Podium. Aber eine genaue Zahl könne man noch nicht sagen. Zurzeit gebe es eher das umgekehrte Problem: Es sei heute schwer, überhaupt noch Ärzte zu bekommen. Betriebsrat Bretzler: "Wir werden das sozialverträglich hinbekommen. Und auch in der Übergangszeit bis zum Neubau des Klinikums werden wir immer genug Personal haben."

21.09 Uhr: Zwei Fragerunden sind vorbei, der Moderator beginnt die dritte. Viele Menschen gehen aber nach Hause: "Hier friert man ein!", so ein Kommentar. Ein Besucher, der sich öffentlich gemeldet hat, sagt: "Sie haben super informiert hier, ich habe jetzt den Entschluss: Ich bin für das Zentralklinikum." Großer Applaus aus den Reihen. Offenbar sind mehr Klinik-Befürworter im Publikum als gedacht.

21.04 Uhr: Was passiert bei kleineren Verletzungen? "Dann können Sie zu den hier vorhandenen Praxen fahren und sich behandeln lassen." An der ambulanten Versorgung in Emden für kleinere Verletzungen ändert sich nichts, so Hendrik Faust.

20.49 Uhr: Frage: "Warum hat die Stadt Emden so lange damit gewartet, die Bürger zu informieren?" Bornemann: "Wir können erst jetzt Fragen beantworten. Wir haben aber von Anfang an alles, was wir tun, per Pressemitteilungen kommuniziert. Aber es gab lange viele Fragen, die noch nicht beantwortet waren. Ich verstehe, dass die Menschen vom Bauchgefühl her viele Bedenken haben. Aber wir wollten die Menschen nicht mit ungesicherten Informationen verunsichern. Und: Auf der Homepage des Klinikums werden wir diese und alle weiteren Fragen beantworten. Aurichs Landrat Harm-Uwe Weber ergänzt: "Die Menschen hatten lange kein Interesse an den Klinikums-Plänen. Das hat sich erst jetzt entwickelt."

Faktencheck der Redaktion: Stimmt. Hier http://goo.gl/1U2XAV findet man die frisch programmierten Seiten mit Fragen und Antworten.

20.40 Uhr: Warum schreibt das Klinikum Leer schwarze Zahlen, und warum Emden nicht? Bornemann: "Wir haben mit Leer gesprochen. Es hatte kein Interesse an einem Zentralklinikum. Die Wege wären dann doch zu weit geworden. Warum Leer Gewinne macht - dazu sage ich nichts. Darüber habe ich keine genauen Informationen. Wir hier in Emden haben alles versucht. In Leer gibt es andere Verhältnisse." Klinik-Chef Pomberg: "Wir haben in Emden alles versucht, um das Defizit niedrig zu halten. Aber zwei Drittel aller Krankenhäuser in Niedersachsen haben rote Zahlen. Das liegt an den kleinen Abteilungen, die wir haben, das liegt am Gesundheitssystem."

20.35 Uhr: Ein weiterer Bürger der Krummhörn: Werden Kranken aus der Krummhörn künftig auch per Hubschrauber versorgt? Rettungsdienst-Chef Grüner: "Es gibt jetzt schon einen Rettungshubschrauber, der auch eingesetzt wird. Es wird das Rettungsmittel ausgewählt, das am schnellsten bei Ihnen ist. Das kann auch der Hubschrauber sein."

20.33 Uhr: Ratsmitglied Wilfried Graf (Linke): Warum schreibt das Klinikum keine schwarzen Zahlen? Unter Oberbürgermeister Alwin Brinkmann sei das Defizit zurückgegangen. Und: Die Wissenschaftlerin Vera Winter hat in der EZ gesagt, das Klinikum könnte wirtschaftlich arbeiten. Warum gab es keinen Gutachter, der das untersucht hat? Hier die Antworten: Klinikchef Ulrich Pomberg: "Nach dem Interview mit Dr. Winter habe ich mit ihr telefoniert. Sie hatte dann Verständnis für ein Zentralklinikum. Sie sagte aber auch, dass ein Krankenhaus sich spezialisieren müsse. Dies gehe aber nicht an drei verschiedenen Orten. Wir haben viel probiert, konnten es aber nicht umsetzen." Das Brinkmann-Defizit: "Es hat sich viel geändert in der Zeit, aber es liegt nicht am derzeitigen Aufsichtsratsvorsitzende, dass das Defizit gestiegen ist." Ein Vertreter des Gutachter-Unternehmens BDO ergänzte: "Es geht nicht darum, ob die Kliniken jetzt Gewinn machen. Es geht um die Zukunft. Sie werden bei Krankenhäusern dieser Größe in Zukunft kein Fachpersonal mehr finden."

20.21 Uhr:Mal nebenbei vom Reporter: Es ist extrem kalt in der Nordseehalle. Die Leute sitzen in dicken Jacken und frösteln. Kalte Füße tun ihr übrigens. Auch die Diskussion ist nicht wirklich erwärmend. Hoffentlich ist es beim nächsten Termin, in Aurich, wärmer.

20.18 Uhr: Dietmar Bretzler vom Betriebsrat: "Wir Mitarbeiter sagen: Das Zentralklinikum ist die beste Lösung. Arbeitsplatzsicherheit ist gebunden an ein erfolgreiches Unternehmen und ein erfolgreiches Haus - und nicht an ein Haus, das Jahr für Jahr Verluste schreibt." Zu der Zahl der künftig wegfallenden Arbeitsplätze sagt er nichts. Ob es wirklich alle Beschäftigten so sehen, also auch die Mitarbeiter in Aurich und Norden, auch nicht.

20.14 Uhr: Jetzt gehts ans Eingemachte: "Bleibt der Rettungsdienst in Emden?" "Was passiert mit dem alten Klinikum in Emden?" Und: "Glauben Sie wirklich, dass Sie 250 Millionen Euro vom Land für Ihr Zentralklinikum kriegen?" Die Antworten vom Podium: "Ja, der Rettungsdienst bleibt in Emden." Bornemann: "Wir haben Bedarf für Büroflächen, für betreutes Wohnen, wir haben viele Ideen. Wir haben eine Arbeitsgruppe gegründet, die jetzt darüber nachdenkt. Wir sprechen ja über das Jahr 2021." Und, zum Geld: "Ich bin davon überzeugt, dass wir das Geld bekommen. Denn wir verfolgen genau die Ziele des Landes. Es fördert die Konzentration von Kliniken. Beispielsweise wird im Schaumburger Land gerade ein Zentralklinikum für drei Städte gebaut, mit Landeszuschuss. Wir werden das Land überzeugen!"

20.06 Uhr:Ein Bürger aus Hinte: "Sind sich eigentlich alle Ärzte in Emden, Aurich und Norden einig? Oder gibt es von da aus Widerstand?" Nein. Widerstand gebe nicht. Es sei die einhellige Meinung aller Ärzte in allen Orten, dass ein Zentralklinikum die besten medizinischen Möglichkeiten bietet. Das betonen die ärztlichen Leiter aller drei Kliniken.

20.02 Uhr: Ein Vertreter des Seniorenrates fragt nach zum Thema "Schlaganfall": Man muss doch schnell im Krankenhaus ein, und nicht nur im Krankenwagen versorgt werden. Wenn der Weg zum Klinikum später so weit ist: ist das noch zu verantworten? Und er fragt sich, ob auf der Straße auf dem Weg nach Georgsheil wirklich Platz ist für einen Krankenwagen? Matthias Drüner vom Rettungsdienst: "Ein Krankenwagen sieht fast so aus wie ein Zimmer auf der Intensivstation. Man hat viele Möglichkeiten, auch beim Schlaganfall. Beim Schlaganfall ist die Versorgung im Emder Klinikum optimal. Aber es kann auch sein, dass Patienten weiterverlegt werden müssen, beispielsweise bei Blutungen. Das kann Emden nicht mehr leisten. Beispiel Herzinfarkt: Er hat jetzt schon Nachteile, denn er muss zum Beispiel erst von Norden nach Emden gebracht werden, dann womöglich nach Oldenburg." Diese Patienten erleben dann eine Transport-Odyssee. In einem Zentralklinikum hätte man alle Möglichkeiten an einem Platz. Christoph Schottes ergänzt: "Das Zeitfenster bei einem Schlaganfall liegt bei drei Stunden. In der Zeit sollte er erkannt und versorgt sein." Der Schlaganfall werde in der Diskussion "immer etwas dramatisiert".

19.40 Uhr: Eine Bürgerin fragt: Warum hat man nicht überlegt, die drei jetzigen Kliniken zu spezialisieren und sie damit aufzuwerten. Und: Muss nicht die Infrastruktur rund um Georgsheil verbessert werden, um den steigenden Verkehr zu verkraften? Hendrik Faust: "Spezialisierung macht keinen Sinn. Dann müssten zuviele Ärzte hin- und herpendeln, weil viele Ärzte aus vielen Fachrichtungen einen Patienten gemeinsam behandeln. Es macht kein Sinn, die Fachkompetenzen auf verschiedene Ort zu verteilen. Bernd Bornemann zur Infrastruktur: "Der Ausbau der Bundesstraßen an diesem Verkehrsknotenpunkt ist wirklich gut. Der Rettungswagen mit Blaulicht kann an eventuell zähem Verkehr vorbeifahren. Auch die VW-Arbeiter kommen ja pünktlich zum Dienst. Also können das Besucher des Klinikums oder Menschen, die geplante Untersuchungen wahrnehmen, auch. Aber wir werden die Verkehrssituation noch einmal sehr genau unter die Lupe nehmen. Was den öffentlichen Nahverkehr angeht: Der wird bedarfsgerecht ausgebaut. Es wird selbsverständlich mehr Busse zu Schichtbeginn im Klinikum geben.

19.29 Uhr:Ein Gast aus der Krummhörn: "Wie kommen wir aus der Krummhörn nach Georgsheil? Emden ist viel näher." Matthias Grüner, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes: "Die Behandlung beginnt nicht erst im Krankenhaus. Sondern schon im Krankenwagen. Niemand muss befürchten, nicht die richtige Versorgung zu bekommen." Dies ist auch so bei Schlaganfällen oder Herzinfarkten.

19.25 Uhr: Die Fragerunde beginnt: Welche Alternativen wurden vor der Entscheidung für ein Zentralklinikums untersucht? Und: Wie werden die (Folge-)Kosten für das Zentralklinikum aufgeteilt, beispielsweise anfallende Verluste? Bezahlt Aurich mehr, weil der Landkreis mehr Einwohner hat? Die Antworten: Bernd Bornemann: "Emden und Aurich bezahlen 50:50 für die Kosten." Als Alternative wurde geprüft: eine Fusion der vorhandenen Kliniken.

19.07 Uhr: Die Veranstaltung beginnt. Oberbürgermeister Bernd Bornemann begrüßt die Anwesenden und sagt, er wolle die "bestmögliche Medizinische Versorgung" Ostfrieslands erreichen, und zwar durch ein Zentralklinikum. "Dazu gibt es keine Alternativen", gibt er bereits zu Beginn die Linie vor. Aus dem Publikum dürfte er dafür auch kräftig Unterstützung bekommen: Denn rund die Hälfte der Gäste stammt aus der Emder Politik oder hat offizielle Funktionen. Und diese Gäste sind mehrheitlich für ein Zentralklinikum. Es wird spannend, inwieweit sich die Klinikums-Gegner Verhör verschaffen können.

18.49 Uhr: Die Sitzreihen in der Nordseehalle füllen sich. Mit dieser simplen Feststellung beginnen wir unsere Berichterstattung von der Klinikums-Diskussion. Das Podium ist noch leer. Aurichs Landrat Uwe Weber läuft durch die Zuhörer-Reihen und begrüßt einige Bekannte.

Weitere Informationen zur Info-Veranstaltung hier.

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