„Ist es schwer, jemanden schuldig zu sprechen?”

Die Nachwuchsjournalisten sind wieder unterwegs. Diesmal besuchten sie Richterin Charlotte Fuchs im Amtsgericht.

Richterin Charlotte Fuchs empfing die Minireporter der Emder Zeitung im Emder Amtsgericht. Die Nachwuchsjournalisten durften sogar hinter den Richtertisch. Foto: Eric Hasseler

Die Minireporter der inzwischen siebten Projektrunde starten mit ihrem ersten Besuch. Diesmal ging es in das Emder Amtsgericht, wo Richterin Charlotte Fuchs Fragen zu ihrem Beruf beantwortete. Vor allem das Thema Mord und Totschlag sorgte für viele Zwischenfragen.

 

Lendrit Berisha (Grundschule Cirksena): Hatten Sie schon einmal Mitleid mit einem Angeklagten?

 

Charlotte Fuchs: Grundsätzlich fühle ich da schon mit. Es ist nämlich oft eher ein Zufall, auf welcher Seite des Richtertisches man sitzt. Das hat nämlich ganz oft mit dem Werdegang zu tun. Wenn man zum Beispiel Eltern hatte, die sich nicht um einen gekümmert haben, dann kann man auf die schiefe Bahn geraten. Daran denke ich natürlich.

 

Mandy Nanninga (Grundschule Cirksena): Was war das härteste oder schwierigste Urteil, das Sie bisher gesprochen haben?

 

Ich bin nur für Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren zuständig. Die wirklich schwierigen Fälle sind die ganz komplizierten, wie zum Beispiel Wirtschaftsbetrug. Meistens geht es bei mir aber um Sachen wie Fahren ohne Fahrerlaubnis. Das geht schnell.

 

Florian Machold (Grundschule Grüner Weg): Haben Sie schon einmal jemanden ins Gefängnis geschickt?

 

Ja, das habe ich. Zum Beispiel, wenn jemand etwas sehr Schlimmes getan oder aber immer wieder Straftaten begangen hat.

 

Erja Tempel (Grundschule Grüner Weg): Ist es im Gerichtssaal gefährlich?

 

In den seltensten Fällen. Es gibt zwar immer wieder Situationen, in denen Menschen aufgebracht sind, aber dafür gibt es hier Justizwachmeister. Dann kann ich einen roten Knopf hinter meinem Pult drücken, und dann kommen die.

 

Lasse Clauß (Grundschule Constantia): Wie viele Menschen arbeiten hier im Amtsgericht?

 

Es gibt sieben Richter und insgesamt etwa 50 Menschen, die hier arbeiten.

 

Leon Redenius (Grundschule Loppersum): Kann man jemanden anklagen, ohne Beweise?

 

Nein, wir brauchen immer Beweise. Das können zum Beispiel Zeugen sein oder auch Videoaufnahmen. Ich muss mir ja sicher sein bei meinem Urteil.

 

Fynn Eilers (Grundschule Loppersum): Ist es, schwer für Sie, jemanden schuldig zu sprechen?

 

Grundsätzlich ist es mein Job und den erfülle ich. Es gibt Gesetze, und wenn die jemand bricht, dann verurteile ich ihn.

 

Yamin Belarbi (Grundschule Constantia): Haben Sie schon einmal eine Entscheidung bereut?

 

Als Richterin nicht. Aber, ich muss gestehen: Ich war auch mal Staatsanwältin, da gab es schon mal die Situation, wo ich hinterher dachte, dass ich ein bisschen zu hoch gegriffen habe mit meiner Forderung. Aber der Richter ist dem dann gefolgt.

 

Till Prescher (Grundschule Constantia): Wieso sitzen die meisten Menschen im Gefängnis?

 

Entweder weil sie sehr schlimme Verbrechen begangen haben, wie zum Beispiel Mord oder Totschlag, oder weil sie immer wieder kleinere Verbrechen begehen. Dann kennt man die Angeklagten schon.

 

(Lendrit fragt, ob Mord und Totschlag nicht das Gleiche sind.)

 

Nein, Mord passiert immer aus ganz niederen Beweggründen. Zum Beispiel, wenn jemand jemanden heiratet, nur um ihn danach umzubringen und das Vermögen zu erben.

 

(Eine weitere Zwischenfrage kommt von Florian. Er fragt, ob es für die Strafe bei Mord oder Totschlag einen Unterschied macht, ob es ausgeführt wurde oder ob es nur beim Versuch geblieben ist.)

 

Ja, das macht einen Unterschied. Wenn es der Täter nur versucht hat, dann ist die Strafe oft nicht so lange. Wenn es aber vorsätzlich war, dann können da auch 15 Jahre bei rausspringen.

 

(Leon kann das nicht glauben: „So lange?”)

 

Es geht sogar noch länger.

 

(Leon wirft ein, dass er vor Kurzem in der Emder Zeitung gelesen hat, dass Einbrecher nur 70 Cent gestohlen haben. Er möchte wissen, ob so etwas auch bestraft wird.)

 

Ja, natürlich, weil es ja grundsätzlich Diebstahl war. Aber wenn derjenige das Geld wieder zurückgibt und sich entschuldigt, dann wird die Strafe sicher nicht so hoch ausfallen.

 

Elisa Harms (Grundschule Grüner Weg): Was war Ihr schlimmster Fall?

 

Hier am Amtsgericht geht es noch moderat zu, weil die ganz schlimmen Fälle hier gar nicht verhandelt werden. Ein Opfer einer Körperverletzung hatte aber mal eine entstellende Narbe. Das war natürlich schlimm.

 

Finja Schrader (Grundschule Larrelt): Wie läuft eine Gerichtsverhandlung ab?

 

Man eröffnet die Sitzung und nimmt die Personalien auf. Damit man weiß, dass der Richtige auf der Anklagebank sitzt. Dann wird von der Staatsanwaltschaft die Anklage verlesen. Dann darf sich der Angeklagte selbst äußern. (Fuchs zeigt dabei, wo im Gerichtssaal die einzelnen Parteien sitzen). Und dann geht es los mit der Beweisaufnahme. Dann werden Zeugen angehört, Urkunden vorgelesen und so weiter. Wenn das alles passiert ist, gibt es die Forderung der Staatsanwaltschaft, dann kann der Verteidiger sagen: „Ich sehe das anders”, und am Ende hat immer der Angeklagte das letzte Wort.

Wenn das alles passiert ist, ziehe ich mich zurück und überlege mir das Urteil.

 

(„Und wer sitzt hier?”, lautet eine Zwischenfrage. Die Minireporter sitzen auf den Publikumsplätzen.)

 

Dort sitzt das Publikum, die Öffentlichkeit quasi.

 

(Eine weitere Zwischenfrage: „Warum sind Gerichtsverhandlungen denn überhaupt öffentlich?”)

Das ist ganz wichtig. Ich habe meine Aufgabe vom Volk übertragen bekommen und das Volk muss auch kontrollieren können, ob ich das richtig mache. Es gibt allerdings auch Fälle, wo die Öffentlichkeit ausgeschlossen ist. Beispielsweise bei Jugendlichen.

 

Thilko Kleen (Grundschule Larrelt): Wie lange dauert ein Gerichtsverfahren?

 

Meistens dauern die einfachen Sachen ungefähr eine Stunde. Die komplizierten Fälle können aber auch mal den ganzen Tag gehen, oder länger.

 

(Finja möchte wissen, ob das nicht langweilig wird)

 

Nein, weil man ja immer wieder mit anderen Leuten zu tun hat.

 

Lara Hartmann (Grundschule am Wall): Wie viele Gefängnisinsassen kommen aus Emden?

 

Das kann ich leider gar nicht genau sagen.

 

Niklas Eilers (Grundschule am Wall): Für welche Fälle sind Sie am Amtsgericht zuständig?

 

Zum Beispiel für Körperverletzungen, Diebstahl oder auch Betrug. Zum Beispiel, wenn jemand etwas bei Ebay bestellt und genau wusste, dass er das gar nicht bezahlen kann.

Tobias Höppner (VGS Petkum): Was für eine Strafe erhält man, wenn man etwas gestohlen hat?

 

Das kommt drauf an. Wenn es das erste Mal war und der Wert nur gering, dann geht es mit Geldstrafen los. Dann muss man auch schauen, ob der Dieb sich entschuldigt hat, oder aus der Not heraus gehandelt hat. Am Ende muss ich mich fragen: Was spricht für ihn und was gegen ihn?

 

Sanja Neemann (VGS Petkum): Welche Personen nehmen an einer Verhandlung teil?

 

Der Richter, der Protokollführer, die Staatsanwaltschaft, der Angeklagte, der Verteidiger und natürlich die Zeugen.

 

Jannik Timmersmann (Grundschule im Gulfhof Loquard): Ist während einer Verhandlung schon einmal etwas Lustiges passiert?

 

Es wird schon mal gelacht, wenn Angeklagte und Verteidiger Humor haben. Aber am Ende kommt eben immer etwas Ernstes dabei raus.

 

Finja: Was mussten Sie lernen, um Richterin zu werden?

 

Jura. Die Gesetze muss man lernen und wie man sie anwendet. Da muss man genau wissen, für welchen Fall welches Gesetz passt.

 

Erja: Mussten Sie schon mal den roten Knopf drücken?

 

Nein, zum Glück nicht.

 

Dokumentiert von Suntke Pendzich

10.03.2018, 12:47 Uhr