Zwei Stunden bis zur vollen Körpergröße

Das BARD-Errichterschiff für Windkraftanlagen, die „Wind Lift 1”, nimmt in Kürze seine Arbeit auf. Am Liegeplatz der Nordseewerke hatte die Emder Zeitung Gelegenheit zu einem Rundgang.

Von EZ-Redakteur

AXEL MILKERT

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Emden. Noch in diesem Monat soll sie ihren ersten großen Auftritt haben. Auf vier Stahlbeinen und nahezu unerschütterlich wird die „Wind Lift 1” dann die ersten Fundamente für Windkraftanlagen in die Nordsee stellen. Das erste Errichterschiff für kommerzielle Offshore-Windparks in der Nordsee ist (fast) startklar.

Am Kai der Nordseewerke, wo die „Wind Lift 1” seit dem 9. Februar liegt, wurden letzte Arbeiten erledigt und schweres Gerät an Bord genommen. Dazu zählt die gigantische, gelb lackierte Rammschablone, die am Heck angebracht ist. Sie dient dazu, die Rammpfähle im Wasser zu justieren und festzuhalten. Versenkt werden die Pfähle im Meeresboden auf drei Arten: auf den ersten Metern drückt das Eigengewicht diese Teile des Fundaments in den Untergrund, dann kommt ein riesiger Rüttler zum Einsatz, schließlich setzt ein Rammhammer die letzten Schläge.


Extreme Bedingungen


Auf die jeweils drei Pfähle für eine Fünf-Megawatt-Anlage wird ein 450 Tonnen schweres Stützkreuz gesetzt. Pfähle und Stützkreuz werden mit einem speziellen Beton verklebt, der auf dem Schiff mit einem Spezialgerät angemischt wird. Auf das vollständige Fundament wird der aus zwei Segmenten bestehende Stahlturm gestellt. Am Ende setzt der 500-Tonnen-Kran der „Wind Lift 1” den Rotorstern (Rotorblätter plus Nabe) auf.

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Was so einfach klingt, ist das Ergebnis jahrelanger Ingenieursarbeit. Die „Wind Lift 1”, ihre zwölfköpfige Besatzung und knapp 40 weitere Leute der Baumannschaft arbeiten unter extremen Bedingungen. Das Schiff stellt sich in dem an dieser Stelle etwa 40 Meter tiefen Wasser auf ihre vier je 74 Meter langen Beine, die mit einem Hydrauliksystem ausgefahren werden. Bis zu zwei Stunden dauert der komplette Hubvorgang. Der Windpark „BARD Offshore 1”, der erste von drei genehmigten BARD-Offshore-Windparks auf deutschem Hoheitsgebiet, entsteht knapp 100 Kilometer nordwestlich von Borkum. Die Fundamente können bei einer Windstärke bis zu sieben Beaufort und entsprechendem Wellengang installiert werden. Beim Aufsetzen des Rotorsterns allerdings darf der Wind nicht stärker als vier Beaufort blasen. Dem Bauteam hilft ein computergesteuertes Positionierungssystem, mit dem das Schiff auf den eingegebenen Koordinaten gehalten wird. Vier um 360 Grad drehbare Ruderpropeller ermöglichen ein exaktes Manövrieren.

Alle Teile für die Windkraftanlagen werden per Ponton zur Baustelle gefahren. Die Generatorenhäuser kommen aus Emden, Türme und Fundamentkomponenten aus Cuxhaven, Nabe und Rotorblätter stammen aus der Emder BARD-Fertigung, gelangen auf dem Wasserweg nach Eemshaven, werden dort montiert und zu ihrem Besimmungsort in der Nordsee transportiert.

Das Errichterschiff und seine Crew arbeiten im Schichtdienst 24 Stunden durch. Für ein Fundament rechnet man bis zu 48 Stunden, für den Aufbau der eigentlichen Windenergieanlage weitere 48 Stunden, sagte BARD-Sprecher Andreas Kölling gestern bei einem Rundgang über das Schiff.

Das in Klaipeda (Litauen) gebaute und in Emden endausgerüstete Schiff ist an Deck bestückt mit einer ganzen Reihe von beweglichen oder fest verankerten Stahlkonstruktionen. Eins haben alle gemein: Sie sind ziemlich groß. Bei drei schwarzen Teilen, die in etwa 30 Meter Abstand zueinander gesetzt sind, bekommt man eine Ahnung von den gigantischen Dimensionen der Offshore-Windkraftanlagen: Auf ihnen können die Stützkreuze abgesetzt werden.

Auf dem grün gestrichenen Decksboden haben sich große Wasserpfützen gesammelt, die „Wind Lift 1” hat an einigen Stellen erste Patina angesetzt. Die Test- und überführungsfahrten, Salzwasser und salzhaltige Luft haben schon Spuren hinterlassen. Bei der Taufe im Sommer 2009 hatte die blitzblanke Hubplattform noch den Eindruck erweckt, als könne man auf dem weitläufigen Hauptdeck hin und wieder mal ein paar Partyzelte aufbauen und einen Tanzboden ausrollen. Dieser Eindruck hat sich gänzlich gewandelt.

Für die kommende Woche ist noch einmal eine letzte Testfahrt geplant. Und noch in diesem Monat werden, so lautet die Hoffnung der Firma BARD, die ersten Testrammungen vorgenommen. Bis zu 90 Meter lang sind die Stahlpfähle, etwa 40 Meter davon stecken im Meeresgrund. Die Arbeiten werden über einen langen Zeitraum mit einem sogenannten Monitoring begleitet. Das soll klären, welche Auswirkungen Lärm und Erschütterungen auf die Vogelwelt und auf die Lebewesen im Wasser haben, erläuterte Gunnar Passchier, Leiter der Planungsabteilung bei BARD Engineering.


„Mehrere im Rennen”


Im April oder Mai bringt BARD die in Klaipeda gebaute und in Belfast bei Harland & Wolff komplettierte Wohn- und Umspannplattform zur Baustelle. Auf ihr sind bis zu 40 weitere Mitarbeiter des Wartungsteams untergebracht. Sie werden in Drei-Wochen-Schichten eingesetzt. Die Plattform liegt zurzeit in Eemshaven. Im Sommer ziehe man zusätzlich eine Kran-Barge zur Unterstützung der Aufbauarbeiten hinzu. Bis Jahresende sollen die ersten 50 Anlagen für „BARD Offshore 1” stehen.

„Anfangs wurden wir von einigen belächelt, weil wir unser eigenes Errichterschiff bauten”, erzählte Andreas Kölling. „Heute sehen einige Werften darin eine Marktlücke.” BARD plant, wie berichtet, ein zweites Erichterschiff in Auftrag zu geben. Wo das gebaut wird, steht noch nicht fest. „In Europa sind mehrere Werften im Rennen”, sagte Kölling. Auf die Frage, ob auch die Nordseewerke mit im Boot seien und für den Bau eines solchen Schiffes in Frage kommen, meinte Kölling: „Wir schließen keinen aus.”

12.03.2010, 21:29 Uhr