Muhammad und die Würde des Menschen

Unter den Asyl Suchenden aus Krisen- und Kriegsgebieten sind zahlreiche Kinder und Jugendliche ohne Eltern oder andere Begleitung. Sie werden nach Möglichkeit in Gastfamilien untergebracht. Auch in Emden. Muhammad und Ahmad sind zwei von vielen. Muhammad lebt bei Heino und Margret Geerken. Die Emder Zeitung hat die Familie besucht.

Sie lernen Deutsch: Muhammad aus dem Iran und sein Freund Ahmad aus Syrien.

Emden. Abends auf dem Laufband in der Muckibude: Bilder von flüchtenden Menschen, Männer, die Männer geschultert haben und durch einen Fluss waten. Schmutzige Hände, die sich an einem Lagerfeuer wärmen. Kinder, die bunt gekleidet mit wirren Haaren und großen dunklen Augen ängstlich und gehetzt umherblicken, provisorische Zeltstädte, Schlamm, eine Rettungsweste am Strand - tonlos flimmern die Szenen über die Fernsehmonitore. Bilder, die wie eine Flut in die Köpfe strömen.

„Wir gucken keine Nachrichten mehr, der Fernseher bleibt so gut wie aus”, sagt Heino Geerken. Abends wird in der Familie gespielt, Karten, „Mensch ärgere dich nicht” und anderes. Seit gut einem Monat ist das so bei den Geerkens, seit Muhammad zu ihnen gezogen ist. Muhammad ist 14 Jahre alt, „noch”, wie er betont. Er kommt aus der Nähe von Isfahan im Iran. Flucht und Vertreibung sind tief in seine Seele eingebrannt. Ab und zu lässt er einige wenige Bilder, gleich kleinen Tröpfchen, raus aus seinem Kopf. In noch etwas ungelenkem Deutsch versucht er, Heino Geerken zu berichten.

Der Junge hat Unsagbares mitgemacht. Der musste schon mit acht Jahren in einer Reisplantage arbeiten. Zur Schule ging er nur wenige Jahre, nach der Arbeit”, erzählt Margret Geerken. Eine Vorstellung davon, was dort abging? „Das ist jenseits unserer Vorstellungskraft”, sagt sie. Muhammad war nie in der Millionenstadt Isfahan. Er lebte am Stadtrand, in einem Slum. Seine Eltern waren vor 30 Jahren aus Afghanistan in den Iran geflohen. Dort sind diese Flüchtlinge willkommene Arbeitskräfte gewesen. Arbeitskräfte, die wie Sklaven behandelt werden dürfen: Paria, ausgestoßen und ausgebeutet.

Muhammad hat keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern. „Es gibt Gründe, warum das so ist”, wissen Heino und Margret Geerken. „Der Junge braucht seine Würde zurück. Darüber reden wir viel”, sagt Heino Geerken. Muhammad lächelt, streckt seine sehr langen Beine unter der Teetafel aus und murmelt zaghaft: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.” Ein Satz, den er in seiner neuen Familie gelernt hat. Was der erste Artikel des Grundgesetzes bedeutet, ist ihm bewusster, als vielen anderen Jugendlichen, die in Deutschland leben. Muhammads gleichaltriger Freund wurde im Iran von der Straße weg in die Armee geschickt. Für Isis oder für Assad hat er sein Leben gelassen. 500 Euro Cash gab es dafür für die Eltern.

„Nur weg hier” muss es in Muhammad geklungen haben. „'was besseres als den Tod ...” Das von den Brüdern Grimm aufgezeichnete Volksmärchen, die Bremer Stadtmusikanten, erzählte Muhammad in seiner Kindheit niemand. Vielleicht liest er es demnächst selber. „Er ist so eifrig dabei, zu lernen”, sagen seine Gasteltern nicht ohne Stolz. Muhammad ist Teil der Familie Geerken geworden - und das ganz schnell. Tochter Talea (22) lebt noch zu Hause. Ihre ältere Schwester ist schon vor einiger Zeit ausgezogen. Talea, Studentin an der Emder Hochschule, genießt es sichtlich, einen „kleinen Bruder” - er überragt sie allerdings etwa um eine Haupteslänge - im Haus zu haben. „Muhammad ist total nett, und er ist noch so kindlich. Ich glaube, der holt noch einmal die Kindheit nach, die er nie hatte”, analysiert sie sein Verhalten. Sie arbeitet selbst mit Flüchtlingen.

Dass das Ehepaar ein Flüchtlingskind aufnimmt, war mit ihr abgesprochen. Überhaupt nahm die ganze Familie Geerken an der ersten Informationsveranstaltung der Stadt für sogenannte Gastfamilien teil, inklusive Taleas bester Freundin. „Wir wollten das alle”, bestätigt Margret Geerken. Schon vor Jahren hatte das Ehepaar erwogen, ein Pflegekind aufzunehmen. Margret Geerken arbeitet auf der Entbindungsstation im Emder Klinikum. „Da sieht man viel und lernt schnell, wie wichtig Pflegeeltern sein können.” Doch nie kam es dazu. Jetzt, nachdem die eigenen Töchter erwachsen sind, hat Heiner Geerken „männliche Verstärkung” bekommen. Vater und Sohn, so scheint es, auch wenn durch Muhammads orientalisches Aussehen das Bild etwas irritierend wirkt.

Muhammad hilft im Garten, geht zum Lauftreff mit Heino und vertraut ihm an, was ihn bewegt. „Alles ist für die Jungs so fremd hier. Die brauchen ganz viele Antworten.” Diese Erfahrung hat das Ehepaar gemacht. Ab und zu holen sie Freunde von Muhammad in Berumerfehn ab. Die leben dort in einer Wohngemeinschaft und waren zuvor mit ihm in einer sogenannten Clearingstelle in Marienhafe. Die Jungs kommen gerne nach Emden. Auch sie genießen die Familiensituation.

Muhammad ist unser großes Glück, er passt perfekt zu uns. Er ist eine großartige Bereicherung für unsere Familie”, sagt Margret Geerken. Der Junge ist angekommen. Er will nicht mehr zurück. „Alles gut hier, alles”, sagt er und blickt Margret liebevoll an. „Er ist so fürsorglich”, sagt sie. Als am Wochenende ihr Mann zu einem Kongress musste - auch er arbeitet im Klinikum - habe Muhammad ihr versichert: „Ich pass jetzt auf dich auf.” Auf ihn passte keiner so wirklich auf. Seine Arbeitskollegen sahen sein Leid und befürchteten, dass auch er in einer Kinderarmee landet. Sie planten ihre Flucht vom Iran Richtung Europa. Muhammad nahmen sie mit. Zu Fuß ging es zunächst durch die Türkei, auch mit einem Boot waren sie unterwegs.

Irgendwann in Griechenland waren die Kollegen weg und Muhammad alleine. Im Camp kümmerte er sich - er ist es von zu Hause nicht anders gewohnt - um kleinere Kinder. Das scheint er gern zu tun. Als er am Lagerfeuer bei einer afghanischen Familie saß, haben diese ihn „als Familienmitglied” mit auf die Reise nach Deutschland genommen. Doch auch ihre Spur verlor sich, nachdem Muhammad Ende Februar in Hamburg ankam.

Gleich am nächsten Tag kam er, ohne Begleitung, in Emden an. Abends stand er vor der Emsschule und wurde wieder weggeschickt. Es sei kein Platz frei, er müsse morgen wiederkommen, habe ihm jemand gesagt. Also ging er zurück zum Bahnhof und schlief dort. Heino Geerken: „Ganz alleine mit 14. Mir wird immer noch angst und bang.” Am Morgen ging er noch einmal zur Emsschule, und dann klappte alles. Er wurde aufgenommen, bekam einen Vormund. Jetzt besucht er die IGS in Emden.

„Alles ist jetzt gut, Muhammad. Du musst hier nicht mehr weg” - bei Heino Geerken setzt der Beschützerinstinkt ein. Wenn der Junge von seiner Flucht erzählt, dann will ihn Heino Geerken behüten, will helfen, die bösen Bilder aus seinem Kopf verbannen helfen. Endlich Normalität, das wünscht er sich für seinen „Sohn”.

Wir sind so dankbar, ihn zu haben. Er ist genau der Richtige für uns. Das Jugendamt hat das wirklich passend ausgesucht”, sagt Margret Geerken. „Muhammad gehört zu unserer Familie.” Immer wieder wiederholt das Ehepaar diesen Satz. Dass Muhammad vielleicht wieder weg muss, das verdrängen sie. „Wenn er selber weg will, dann ist das etwas anderes. Ich wünsche mir, dass er nach vielen Jahren hier wieder bei uns an der Teetafel sitzt, zusammen mit seiner Familie und seinen Kindern.” Dieses Bild hat Margret Geerken im Kopf, seitdem ihre Schwiegereltern von ihrer Zeit als Kinder im Zweiten Weltkrieg erzählten. Sie kamen damals in die Kinderlandverschickung, um den Bombenangriffen zu entgehen. Auch ihr Schwiegervater landete bei einer ihm wildfremden Familie in Mitteldeutschland. Viele Jahre danach haben sich alle noch einmal getroffen.

Es klingelt! Muhammad geht an die Tür - auch sein Name steht dort. Necmiye Sann und Ahmad (15) kommen herein. Seit einer Woche ist Ahmad bei Joachim und Necmiye Sann. Er stammt aus Damaskus, spricht fließend Englisch und skypt regelmäßig mit seiner Mutter. Ältere Geschwister von ihm sind bereits in Deutschland. Wie lange Ahmad bleibt, ist ungewiss. Auch er geht zur Schule, und ihm ist die Freude über seine Gastfamilie, dazu gehört noch eine Oma und eine zwölfjährige Tochter, anzumerken.

Mit der Großmutter, sie ist Türkin, kann er sich gut verständigen, genauso mit Necmiye Sann. Sie beherrscht, wie die anderen in der Familie, Englisch. Mit dem Deutschen hat Ahmad noch Schwierigkeiten. Mit Muhammad kann er sich so gut wie nicht unterhalten. Muhammad spricht Farsi, und zwar in zwei Varianten, der persischen und der afghanischen. Ahmads Muttersprache ist Hocharabisch. „Die beiden können bestimmt bald miteinander sprechen, und zwar auf Deutsch.Das kommt noch”, ist Heino Geerken überzeugt.

Gemeinsam schauen die Jungen sich Deutschlehrbücher für Ausländer an. Muhammad zeigt, welche Übungen er absolviert hat. Auch Ahmad wird bald mit diesem Buch arbeiten. Necmiye Sann hat sich schon einmal den Titel aufgeschrieben. Noch ist Ahmad erkältet, doch nächste Woche soll auch er gemeinsam mit Heino und Muhammad für den Matjeslauf trainieren.

Ahmad lacht freundlich und viel, spricht gestenreich. Er wirkt freier als Muhammad. Er durfte lange Zeit zur Schule gehen und lebte nicht als Geächteter in einem fremden Land. „Bei den beiden läuft es wirklich gut”, freut sich Jugendamtsmitarbeiterin Birgit Güldener. Sie gehört zu denen, die die Gastfamilien betreuen. Einmal im Monat treffen sich alle Gasteltern. „Das ist wichtig”, ist Margret Geerken überzeugt. Erfahrungen austauschen und auch zu hören, wo was nicht gut läuft, davon könnten alle profitieren.

Wenn etwas nicht klappt, wie neulich bei einer Familie, die zwei Jungen aufgenommen hatte, von denen einer aber nicht in die Familie passte, versuchen wir natürlich, das schnell zu lösen”, sagt Güldener. Mit Problemen kennen Jugendamtsmitarbeiter sich aus. Die Geerkens sind überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, als sie Muhammad bei sich aufnahmen. „Ich freue mich schon, wenn er etwas frecher wird”, sagt Talea. „Die Pubertät kommt, mit allen Auswirkungen, aber das ist auch gut, und es muss auch so sein”, ergänzt Margret Geerken.

Muhammad scheint noch ein wenig an seiner Kindheit hängen zu wollen. Er mag Pixi-Bücher. „Die kann ich schon gut lesen und auch verstehen.” Vor wenigen Tagen schaute er sich im Fernsehen „Ice Age” an. Aber sobald die Nachrichten erscheinen, schalten die Geerkens ab.

04.04.2016, 20:40 Uhr
Über die Autorin
Ute Lipperheide Redakteurin Lokales bei der EZ seit: 1993
Telefon: 04921-8900416