Mit ihrer plattdeutschen Rock-Musik geht es Pier 104 vor allem um Authentizität

In unserer Serie "Bands in Ostfriesland" stellen wir dieses Mal die Band "Pier 104" vor.

  • Wir zeigen auf, was die Region musikalisch zu bieten hat. (1/5)
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Von Christian Zeiss

Emden. Werner Irmer und Wolfgang Casper kannten sich schon über dreißig Jahre, als sie sich 2007, im Anschluss an ein 70er-Band-Revival der Emder Musik-Szene, in der Alten Post über den Weg liefen. Dort beschlossen sie, fortan Musik miteinander zu machen - Rock- Musik, englisch und amerikanisch geprägt. Zunächst spielten sie noch zu zweit, dann kamen, über eine Annonce, Manuel Rietmann und Mathias Diesel hinzu. Bei den Proben stellte sich schnell heraus, dass die plattdeutsch gesungenen Songs allen besonders gut gefielen. Und so beschlossen Pier 104 fortan zu „etablieren, was nicht jeder macht”, sprich: Rock-Musik mit plattdeutschen Texten.

2012 erschien mit „Platt is wat(t)” die erste CD. Die durchschnittliche Resonanz ernüchterte die Band zunächst. Auf Konzerten hörten sie schon mal Anmerkungen wie „macht doch mal was auf Englisch“.Pier 104 blieben aber unbeirrbar. Die Band war für sie längst ein Lebensgefühl geworden.

Bei bis zu zehn Jahren Altersunterschied zwischen den Musikern stößt man zwangsläufig auf unterschiedliche Vorstellungen. Die Songs entstehen aber immer komplett in der Gemeinschaft - sie sind ein Kompromiss aus allem. Wolfgang Casper (Gitarre, Gesang), Werner Irmer (Gitarre, Gesang) und Manuel Rietmann (Bass, Gesang) schreiben an den Songs und Texten - Mathias Diesel (Schlagzeug) wirkt als Korrektiv und bringt alles zusammen.

Die Produktion eines Albums ist ein langer Prozess, der sich über Monate zieht. Um andere an den eigenen Songs basteln zu lassen, muss man einander vertrauen. Eigene Erwartungen und Ansprüche treiben an, stehen aber auch immer mal wieder im Weg. Pier 104 machen alles in Eigenregie, also ohne einen Produzenten. Aber: „Was nicht Geld kostet, kostet Nerven”.

Es ist von Beginn an ein lebendiges Gespräch, das wir mit Pier 104 führen. Sie reden ausufernd über ihre Band und Musik im Allgemeinen, diskutieren und lachen miteinander. Humor spielt eine wichtige Rolle in dieser Band. Pier 104 wünschen sich mehr Resonanz, auch wenn die Fangemeinde wächst, und sind generell der Ansicht, man müsse hier mehr hinter der eigenen Tradition stehen.

Sie erinnern sich an Konzerte in Hamburg oder der Lüneburger Heide, wo begeisterte Zuschauer erstaunt auf die Bühne blickten, als in den knackigen Rock-Songs der plattdeutsche Gesang einsetzte. Dies ist in unserer Region nicht immer so. Die Musik ist, so vermutet man, „vielleicht nicht heimelig genug”. Eine Ausnahme war da das Konzert in diesem Sommer an der Tonne. Da wurde getanzt und man hatte viel Spaß miteinander. Pier 104 meinen das ernst mit ihren Liedern. Sie spielen keine Cover-Songs, auch keine plattdeutschen, dafür steckt in ihren eigenen Liedern zu viel Herz. Man will unabhängig sein und sich nicht anbiedern. Nur so kann man sich fallen lassen, entwickeln, vertrauen, Gefühle kanalisieren. Für sie muss plattdeutsche Musik „nicht zwangsläufig mit Akkordeon laufen”. Sie kann auch rocken! Ihre lässigen Rock-Songs beweisen das. Sie sind geprägt von schmissigen Gitarren, haben eingängige Melodien und Refrains zum Mitsingen.

Stolz auf die eigene Sprache

Einen wichtigen Teil der Songs nehmen natürlich die plattdeutschen Texte ein. Platt war früher die Sprache der armen Leute, sie wurde lange vermieden. Dagegen kämpfen Pier 104 an. Sie sind stolz auf ihre Sprache und wollen auch einen Teil der Kultur erhalten. „Denn wie sünd Oostfreesen” heißt einer ihrer Songs.

„Auf Plattdeutsch kann man derbe ausdrücken, was nicht derbe klingt” erklärt Rietmann. Die Sprache ist rau, sie lässt sich aber gut formen. Die Texte setzen sich dann aus Alltagsbeobachtungen und Gefühlen zusammen. Manchmal reichen Namen oder Sprüche für eine Idee. Es muss aber alles nachvollziehbar bleiben.

Die Bandmitglieder spielen zum Teil auch in anderen Gruppen. Aber ihre Berufung und Erfüllung finden sie erst mit Pier 104. Die vier sind Musiker mit Leib und Seele. Seit ihrer Jugend hat sie die Musik nicht wieder losgelassen. Heute ist sie Lebensqualität, Gesundwerdung und eine Herzensangelegenheit. Sie wissen nicht, was ohne Musik aus ihnen geworden wäre.

Als Musiker will und muss man natürlich auftreten. „Musik ist sinnlos, wenn sie nicht live gespielt wird” glaubt Wolfgang Casper etwa. Der Moment, wenn allen klar ist, dass Band und Publikum einen schönen Abend haben und das Zusammenspiel unter den Musikern passt, ist das Größte für sie. Pier 104 geben momentan lediglich etwa zehn Auftritte im Jahr. Dies liegt aber auch an der Angst der Veranstalter. „Die buchen häufig lieber Cover- Bands, weil der Umsatz stimmen muss”.

Am vergangenen Freitagabend stellten Pier 104 im Kulturbunker ihre neue, dritte CD „Dat is Rock” vor. Es ist ihr bestes Album bisher. Eines voller energischer und melodischer Rock-Songs - dringlich, nicht aufdringlich, mit tollen Gitarren- Passagen und drückender Rhythmussektion. Es geht auf diesem Album, wie bei allem, was mit Pier 104 zu tun hat, vor allem um Authentizität. Die vier sind froh, dass die CD nach all der Arbeit endlich veröffentlicht wurde. Man ist noch nah dran an den neuen Songs. Zu nah. Gerne hätten sie den Live-Sound besser transportiert, aber sie haben ihr Bestes gegeben. Und ganz zufrieden ist ein Musiker ja nie.

Die Bandmitglieder sind gespannt auf Meinungen. Freitag fielen sie durchweg positiv aus. Pier 104 präsentierten ein gut 100-minütiges Programm aus neuen und älteren Songs. Die spürbare nervöse Vorfreude wich schnell der Lust am gemeinsamen Musizieren. Sie lachten mit- und übereinander, spielten routiniert, aber voller Überzeugung. Vor allem die älteren Songs klangen wesentlich mitreißender als auf den CDs. Das Publikum war sichtlich angetan. Es wurde fleißig mitgeklatscht, einige tanzten, auch Zugaben wurden gefordert.

„Um uns richtig zu verstehen, muss man uns live gesehen haben”, sagten Pier 104 bereits in unserem Gespräch. Und sie sollten Recht behalten.

Diese Serie wird präsentiert von Musikhaus Ahrends

08.11.2018, 09:00 Uhr