Indianer-Bestattung: ”Ich hab' sie beobachten können”

92-Jährige erinnert sich an Ereignis vor 80 Jahren.   Von EZ-Redakteurin INA WAGNER Tel. 0 49 21 / 89 00 411

Emden. Die Familie Hollander lebte schon in den 30er Jahren in der Kirchstraße. Und auch heute ist in dieser Straße das Zuhause von Anna Hollander. Die 92-Jährige ist vielseitig interessiert, nimmt rege am kirchlichen und gesellschaftlichen Leben teil, und hätte auch gerne an der Filmfesteröffnung teilgenommen, wenn der Weg zum Neuen Theater bloß nicht so beschwerlich wäre ...

An diesem 30. Mai 1932 sollte Anna Hollander, damals elf Jahre alt, eigentlich den Unterricht in der Wallschule besuchen. Doch das Mädchen weiß, dass an diesem Tag der Indianer William Big Charger bestattet werden soll. Das Mitglied einer Zirkustruppe war drei Tage zuvor knapp 60-jährig im städtischen Krankenhaus an einer Lungenentzündung gestorben.

Zirkusdirektor Hans Stosch-Sarrasani eilte mit einer 100-köpfigen Delegation herbei - der Zirkus war mittlerweile in die Niederlande weitergezogen -, um die Beerdigung zu organisieren. Indianer in vollem Federschmuck hielten die Totenwache. Nun war der Trauerzug auf dem Weg durch die Große Straße und die Kirchstraße. Anna holte rasch ihre Freundin Agathe, die gegenüber wohnte, herüber. Und die beiden Mädchen standen am Fenster und sahen staunend zu, wie der Trauerzug vorbeizog. Die Indianer hätten auf Pferden gesessen und den Sarg begleitet. Große Federkronen hätten sie auf dem Kopf getragen, um dem Verstorbenen alle Ehren zu erweisen. ”Sie sind direkt vor unserem Haus vorbei..” Die Mädchen blieben allerdings taktvoll im Haus. ”Einfach so bei einer Beerdigung auftauchen - nein, das war nicht üblich.” Und so blieb die Neugierde auf die Blicke aus dem Fenster beschränkt.

Kurze Zeit hörten sie dann noch, dass einige Gewehrsalven abgeschossen wurden. Doch dann hatten die Mädchen ein anderes Problem. Der geschwänzte Tag war ja nicht unbemerkt geblieben, und so mussten Anna und Agathe, die in dieselbe Klasse gingen, zu Rektor Lolling kommen. Haben sie gebeichtet oder geflunkert? Anna Hollander weiß es nicht mehr. Doch das Geschehen hat sich unvergesslich in ihre Gedächtnis eingebrannt. Sie weiß auch noch, dass nach der Beerdigung eine weitere Delegation vorbeikam und den Friedhof aufsuchte. Doch damit war das Thema für die Elfjährige dann aber auch beendet.

07.06.2012, 19:05 Uhr