"Erntezeit für Helma - kurz vor Schluss"

Die Emder Filmemacherin Helma Sanders-Brahms ist am Dienstag einem Krebsleiden erlegen. Sie wurde 73 Jahre alt. Eine Würdigung der international renommierten Regisseurin.

  • Filmemacherin und Feministin: Helma Sanders-Brahms. Foto: Brandes (1/4)
  • Ihr letzter Film war "Geliebte Clara": Die Regisseurin mit der Darstellerin der Clara Schumann, Martina Gedeck. Foto: dpa (2/4)
  • Helma Sanders-Brahms 2005 mit der irischen Schriftstellerin Cecilia Ahern bei der Verleihung des Corine-Buchpreises. Foto: dpa (3/4)
  • Sommer 2013 in Schweden: Helma Sanders-Brahms erhielt die Ehrendoktorwürde durch die Universität Göteborg. Foto: Lipperheide (4/4)

Berlin/Emden. Einfach - das war ein Wort, das auf Helma Sanders-Brahms so gar nicht passte, oder vielleicht doch: Einfach so konnte sie Wundervolles innerhalb kürzester Zeit schaffen, solch praktische Dinge, wie ein hervorragendes Essen, das Organisieren einer Feier, manchmal auch ein Essay schreiben, ein Bild zeichnen oder einfach mit ihren Ideen andere Köpfe entzünden.

Kreatives Handeln, das ging ihr so einfach und leicht von der Hand, für andere war das atemberaubend. Aber eben nicht nur das. Sie machte Angst mit ihrem Mut, mit ihrer Wut und auch mit ihrem Gerechtigkeitssinn. Der einmal eingeschlagene Weg wurde von ihr kompromisslos verfolgt. Ja, sie war durchsetzungsfähig und wusste genau auf der emotionalen Klaviatur zu spielen. Manchmal setzte sie Bilder ein, um ihre Sache zu unterstreichen, Bilder aus der Vergangenheit, die nicht immer der Wirklichkeit entsprachen.

Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit, für eine Künstlerin ihres Ranges überlappten sich diese Begriffe. Für manchen ihrer Freunde und Bekannten war das nicht leicht. "Wer versteht die Künstler?", sagte einmal eine Emderin, die sie schon lange kannte und auch wusste, dass der Umgang mit der Filmemacherin nicht einfach war. Aber wer Helma Sanders-Brahms nicht mochte, wie sie war, der hatte "eben Pech" gehabt. "Ich bin mit mir selber in sehr guter Gesellschaft", sagte sie einmal und meinte das ernst.

Sie wollte sich nicht verbiegen. Sie nicht. Sie wird zum Kreis der deutschen 68er-Filmemacher gezählt. Politisch links, anderes kam nicht infrage. Gerechtigkeit, eines der Themen, die ihr Leben durchzogen haben. Sie wollte immer die Welt besser machen, auf Missstände hinweisen. Die Sache der Frauen war die ihre. Ja, sie war eine Feministin. Sie war eine schöne Frau - sie arbeitete zwischenzeitlich als Model und gehörte zu den Frauen, die Charles Wilp für die Afri-Cola-Werbung anheuerte. Sie war eine kluge Frau - ihre Fantasie und ihr Esprit, ihre Fähigkeit, innerhalb weniger Wochen eine Sprache zu erlernen und blitzschnell Zusammenhänge zu erfassen. Und sie war eine Frauenrechtlerin. Diese Mischung war in den 60er und 70er Jahren höchst explosiv, auch unter den aufgeklärten 68ern. Dabei legte sie größten Wert auf ihre Unabhängigkeit, und auch das war nicht nur eine Floskel. Sie ließ sich nichts vorschreiben, ordnete sich nicht unter und versuchte ihr Leben zu leben. Existenziell wäre für ihren Lebensstil ein passendes Adjektiv. "Entweder Jugendherberge oder Luxushotel", sagte sie einst, als es darum ging, wo sie denn übernachten möchte. Kompromisse waren für andere da, nicht für Helma Sanders-Brahms. Das machte sie zeitweise zum Schrecken in der Filmbranche. Kuschelkurs gab es bei ihr nicht. Dabei konnte sie sehr liebevoll sein. Ging es einem Menschen schlecht, den sie mochte, dann konnte dieser auf Helma und ihre Hilfe zählen. Das waren keine leeren, dahingesagten Worte. Auch wenn sie ab und zu einmal sprunghaft sein konnte.

Ihre spirituelle Seite war die, in der sie am wenigsten gefestigt wirkte. Yoga, das machte sie schon seit Jahrzehnten. Esoterik war ihr nicht unbekannt. Auch einen Hang zum Katholizismus hatte die reformiert Getaufte. Sie besuchte mehrfach Klöster und lebte dort mit Nonnen. Es war die Abgeschiedenheit und die Zufriedenheit, die sie faszinierte. Vielleicht sehnte sie sich auch danach, aber so leben konnte sie auf Dauer nicht.

Ehre und Anerkennung waren ihr wichtig. Nein, uneitel war sie nicht, auch wenn sie Eitelkeit bei anderen durchaus kritisierte. "Erntezeit für Helma - kurz vor Schluss", sagte sie nach der Wiederaufführung der restaurierten Langfassung ihres wohl international populärsten Films "Deutschland, bleiche Mutter" in diesem Februar auf der Berlinale. Dass der Schauspieler Mario Adorf zur Vorführung kam und sie lange umarmte, das hatte sie sichtlich bewegt.

"Geschenkte Jahre"

Überhaupt, im vergangenen Herbst die Ehrendoktorwürde der Universität Göteborg, die Einladungen rund um die Welt, die auf einmal wieder mehr wurden. Retrospektiven in Paris, London und in den USA. Nach Paris, der Stadt, der sie sich nach Berlin immer verbunden fühlte, weil die Franzosen sie ehrten und keine Berührungsängste hatten, schaffte sie es nicht mehr.

"Ich habe vier geschenkte Jahre gehabt. Viel mehr, als die Ärzte mir zugesagt haben", stellte sie wenige Wochen vor ihrem Tod fest. Der Krebs, bereits in den 90er Jahren ausgebrochen, hat ihren Körper besiegt. Sie ging ganz sachlich mit der Krankheit und auch dem Tod um. Auch das war existenziell. Eine hinfällige Kranke, so zeigte sie sich nie. Ihre letzten Wochen verbrachte sie umsorgt im Hospiz, an ihrer Seite: ihre Tochter. "Immer wenn Anna da ist, geht es mir gut."

28.05.2014, 12:00 Uhr