Emder macht 100 Jahre Forschung abrufbar

Chemiker Dr. Wolfgang Boomgaarden hat eine Datenbank zur Verfügbarkeit von medizinischen Wirkstoffen entwickelt.   Von EZ-Redakteurin GABY WOLF Tel. 0 49 21 / 89 00 415

Emden. Acht Jahre lang hat der Emder Chemiker und Chemie-Informatiker Dr. Wolfgang Boomgaarden mehr als 5000 wissenschaftliche Publikationen über Versuche und Studien zur Aufnahme von medizinischen Wirkstoffen im Körper zusammengetragen, analysiert und ausgewertet. Herausgekommen ist eine Computer-Datenbank mit fast 8300 Einträgen, die Boomgaardens Einschätzung zufolge dazu geeignet ist, die Arzneiforschung einen großen Schritt voranzubringen.

Seine Datenbank zur ”oralen Bioverfügbarkeit von Wirkstoffen” vereinigt das Wissen von 100 Jahren Forschung, sagt Boomgaarden. Sie mache damit Ergebnisse und Erfahrungen wie auch die jeweiligen Versuchsbedingungen ”auf kurzem Wege” vergleichbar. ”Für einen Chemie-Informatiker ist das ein toller Pool, um gezielt neue Medikamente zu entwickeln.”

Die orale Bioverfügbarkeit sei eine der wichtigsten Eigenschaften von Medikamenten. Nur wenn ein neuer Wirkstoff vom Körper aufgenommen werden kann, lohne sich die Weiterentwicklung zum Medikament.

Was am Ende übrigbleibt

”In der Forschung geht man von einer hundertprozentigen Bioverfügbarkeit aus, wenn man den Wirkstoff in die Vene spritzt”, erläutert der Emder. Bei oraler Einnahme - etwa als Tablette, Kapsel oder Sirup - bekomme er es dagegen mit verschiedenen Einwirkungen zu tun, bevor er in der Blutbahn landet. Im Magen greift ihn Säure an. Dann wird er von der Magenschleimhaut absorbiert. In der Leber ist er weiteren Zersetzungsprozessen ausgeliefert. ”Was am Ende übrigbleibt”, fasst Boomgaarden zusammen, ”danach misst man dann die orale Bioverfügbarkeit.”

Ermittelt werde das in klinischen Studien, erläutert der Chemiker. Den Anfang bildeten für gewöhnlich Zelltests und Screenings, um auszuloten, ob es sich überhaupt lohnt, mit dieser oder jenen Substanz weiterzuforschen. Anhand von Tierversuchen versuche man abzuleiten, ob aus den Substanzen ein sinnvolles Medikament zu entwickeln ist. Im nächsten Schritt erfolge die Studie an Versuchspersonen.

”Durch die Datenbank können neue Schlüsse gezogen werden”, sagt Boomgaarden. ”Etwa, wie sinnvoll Tierversuche überhaupt sind.” Der Vergleich zeige nämlich, dass in vielen Fällen die orale Bioverfügbarkeit bei Tier und Mensch stark voneinander abweicht.

Aber auch andere Faktoren könnten nun einfacher verglichen werden. Etwa, wie sich genetische, altersbedingte oder geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Testpersonen auf die Bioverfügbarkeit bestimmter Substanzen auswirken. Sämtliche Zusatzinformationen, die Boomgaarden zu den Experimenten bekommen konnte, hat er in die Datenbank eingegeben.

Zudem ist es mit der Datenbank laut Boomgaarden nun möglich, Computermodelle zu erzeugen, mit denen man direkte Vorhersagen zur oralen Bioverfügbarkeit treffen kann. ”Das erhöht die Erfolgsaussichten von neuen Medikamenten und führt zu mehr Sicherheit bei klinischen Studien am Menschen.” Ein Faktor, der Pharmaunternehmen durchaus interessiert, weiß Boomgaarden durch seine Kundenkontakte in dem Bereich. Ausgaben für teure Forschungen, sagt er, könnten so künftig auf die erfolgversprechenden Projekte konzentriert werden.

H Den Pharmaunternehmen will Boomgaarden die Nutzung der Datenbank nun per Lizenz anbieten. Momentan sucht er Hochschulstudenten, die ihn im Rahmen eines Praktikums bei der Vermarktung unterstützen. Kontakt: info@pharmainformatic.com.

29.11.2012, 18:15 Uhr
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