Wirtschaft
Valerie Holsboer

Krise in der Bundesagentur: Vorstandsmitglied vor Abberufung

Gewöhnlich sind es Arbeitslosenzahlen, mit denen die Bundesagentur für Arbeit für Schlagzeilen sorgt. Derzeit bescheren ihr hingegen Personalquerelen großes öffentliches Interesse - und zwar mehr, als ihr lieb ist. Es geht um die Zukunft von Finanzchefin Holsboer.

Valerie Holsboer

Nürnberg (dpa) - Ist es ein Machtpoker - oder schlicht Verdruss über angeblich fehlenden Sachverstand an der Behördenspitze?

Der seit Wochen schwelende Streit über die Zukunft von Vorstandsmitglied Valerie Holsboer hat die Bundesagentur für Arbeit (BA) in ihre schwerste personelle Krise seit 15 Jahren gestürzt und tiefe Gräben aufgerissen. Trotz der Rückendeckung von mehr als 1000 Mitarbeitern droht der obersten Personal- und Finanzchefin der Nürnberger Behörde an diesen Freitag (12. Juli) die vorzeitige Abberufung.

Auf der turnusmäßigen Sitzung des BA-Verwaltungsrats sei geplant, ihre Abwahl zu beantragen, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus dem Umfeld des Gremiums. Gut informierte Kreise gehen davon aus, dass neben der Arbeitgeberseite auch die im Verwaltungsrat vertretene Arbeitnehmerseite für die Abberufung votieren wird. Der Abberufung der 42 Jahre alten Volljuristin müsste allerdings noch die Bundesregierung zustimmen. Der Verwaltungsrat kontrolliert zusammen mit Vertretern von Bund, Ländern und Kommunen die Arbeit des BA-Vorstands.

Es wäre die zweite vorzeitige Abberufung eines Bundesagentur-Managers seit der Entlassung von Florian Gerster im Jahre 2004. Gerster war seinerzeit über umstrittene Beraterverträge gestolpert. Holsboer ist das einzige weibliche Mitglied in dem von Detlef Scheele angeführten dreiköpfigen Vorstand. Ihr Fünfjahresvertrag endet offiziell im Jahr 2022. Sie hatte 2017 das Personal- und Finanzressort vom früheren BA-Chef Frank-Jürgen Weise übernommen.

Zu den seit Anfang Juni kursierenden Abberufungsgerüchten wollten sich weder der BA-Verwaltungsratsvorsitzende Peter Clever noch Holsboer äußern. Die Pressestelle der Bundesagentur wiederum lehnte eine Stellungnahme mit Hinweis darauf ab, dass es sich um eine Verwaltungsrats-Angelegenheit handele. Im Umfeld von Holsboer besteht derweil die Hoffnung, im letzten Moment doch noch einen Teil der Verwaltungsratsmitglieder umstimmen und die vorzeitige Absetzung verhindern zu können.

Hintergrund der Abberufungspläne ist nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur die Unzufriedenheit von Teilen des Verwaltungsrats mit Holsboers Arbeit. Sie sei mit der Aufgabe, die Bundesagentur für den anstehenden Wandel des Arbeitsmarkts umzubauen, schlicht überfordert, berichteten Insider. «Nach zwei Jahren Arbeit an der Spitze der Bundesagentur hätte ich mehr Fachlichkeit erwartet», hieß es in Verwaltungsratskreisen. Holsboer habe zwar einige Innovationen vorgeschlagen, umgesetzt worden sei davon aber kaum etwas. Auch seien ihr wiederholt grobe Fehler unterlaufen.

Auf Kritik stoßen die Abberufungspläne bei Teilen der Bundesagentur-Mitarbeiter. In einer Online-Petition fordern die Unterzeichner: «BA-Vorstandsmitglied Valerie Holsboer muss bleiben». Die Petition hatten bis Mitte der Woche mehr als 1000 Unterstützer unterzeichnet. Holsboer sei eine «hochkompetente, führungsstarke, inspirierende und anpackende Vorstandsfrau», heißt es in der Petitionsbegründung.

Den Vorwurf von Teilen des BA-Aufsichtsgremiums, Holsboer sei mit den komplexen Aufgaben in einer Mammutbehörde wie der BA überfordert gewesen, wird aus ihrem direkten Umfeld mit einer Liste von ihr angestoßenen Projekte gekontert. Neben einer neuen Führungsstruktur mit mehr Transparenz bei Stellen-Ausschreibungen habe sie unter anderem arbeitgeberfreundliche Instrumente beim sogenannten sozialen Arbeitsmarkt auf den Weg gebracht.

Als Hauptgrund für die Pläne sieht man in Holsboers Umfeld einen Dauerkonflikt der Managerin mit BA-Vorstandsmitglied Peter Clever. Der Arbeitgebervertreter hatte die frühere Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes Systemgastronomie für die Vorstandsposition vorgeschlagen. In Clevers Augen, so Holsboer-Unterstützer, habe sich die BA-Managerin gegenüber ihrem Ziehvater aber als nicht ausreichend loyal erwiesen. Aus Clevers Sicht habe sie zu wenig einen Gegenpol zu dem sozialdemokratischen BA-Chef Scheele gebildet. In Verwaltungsratskreisen wird dies allerdings als Grund für die geplante Abberufung Holsboers bestritten.

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