Warum wir über Selbstmord nur sehr klein oder gar nicht berichten

Zurückhaltung, um Nachahmungstaten zu vermeiden.

Eine kranke Seele, körperliche Krankheiten, Hoffnungslosigkeit - mögliche Ursachen für einen Selbstmord. Doch für jeden gibt es Hilfsangebot.

Es war eine brenzlige Situation an der Nordertorstraße in der Nacht zu Sonntag: Ein Mann war aufs Hausdach geklettert und drohte herabzuspringen. Über mehrere Stunden lang versuchten Polizei und Feuerwehr, ihn von seinem Plan abzuhalten. Schließlich gelang es auch. Der Mann sei "psychisch krank", heißt es von Seiten der Einsatzkräfte.

Warum war davon in der EZ nur sehr klein zu lesen?

Dazu muss man wissen, dass jede Berichterstattung in Medien über versuchte oder vollendete Selbstmorde Nachahmer animieren könnte, einen vielleicht lange schwelenden Plan zum Selbstmord in die Tat umzusetzen. Zeitungen versuchen heutzutage in der Regel, durch einen Hinweis auf die Telefonseelsorge die Berichterstattung zu entschärfen. Direkt nach dem Tod von Torwart Robert Enke an einem Bahnübergang stieg die Zahl der Suizide auf bis zu neun Vorfälle täglich - zuvor hatte sie bei 2,3 Fällen täglich gelegen (Quelle: Der Tagesspiegel). Psychologen sprechen vom "Werther-Effekt".

Auch der Deutsche Presserat, das Selbstkontrollorgan der deutschen Medien, empfiehlt Zurückhaltung: "Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen, die Veröffentlichung von Fotos und die Schilderung näherer Begleitumstände."

Und weil die EZ dieses Thema ebenso kritisch sieht wie der Presserat, finden Sie in unserer Zeitung in der Regel keine Nachrichten über Selbstmorde. Ein paar Ausnahmen gibt es: Wenn die Tat so spektakulär war oder an so prominenter Stelle stattfindet, dass zwangsweise viele andere Menschen davon betroffen werden. Durch Stau, Zugausfall, durch Sperrungen der Polizei.

Auch über die Gründe für diese Taten berichten wir kaum. War es Verzweiflung oder eine psychische Krankheit? Wenn überhaupt, bringt die EZ nur knappe Infos.

So war es auch in der Nacht zu Sonntag in der Nordertorstraße. Zwar eine prominente Stelle, aber mitten in der Nacht. Wenige Menschen direkt betroffen. Der Täter: Vermutlich psychisch krank. Dies alles rechtfertigt nicht eine großangelegte Berichterstattung - aus Rücksicht auf den Täter, und um Nachahmern nicht zu ebensolchen Taten zu ermutigen.

 

Quälen Sie sich mit Selbstmordgedanken, dann finden Sie hier Hilfe und Beratung:  Telefon 0800/1110111 oder beim Weißen Ring 01803/34 34 34 oder bei der Deutschen Gesellschaft für Suizid-Prävention, Telefon 0921/28 33 01.

07.05.2018, 13:46 Uhr
Über den Autor
Stefan Bergmann Chefredakteur bei der EZ seit: 2014
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