Behindert oder nicht

Deutsche Sprache, schwere (korrekte) Sprache

Das van-Ameren-Bad: Zurzeit Emdens einziges Freibad.

Früher waren Menschen, die eine Behinderung hatten, einfach Behinderte. Dann "Menschen mit Behinderungen". "Behinderte Menschen" oder gar "Behinderte" ging dann gar nicht mehr. Inzwischen heißt es sogar "Menschen mit Teilhabeeinschränkungen". Auf einer Website über Inklusion habe ich zu dieser Frage den Satz gelesen: "Welcher Begriff stigmatisiert Behinderte am freundlichsten?"

Da ist einiges wahres dran. Bei einem Kommentar dazu, dass das van-Ameren-Bad jetzt eine Kostenerstattung von der Stadt bekommt für die ermäßigten Eintrittspreise, die sie Behinderten gewährt, kam ich beim Schreiben ins Stocken. Wie nenne ich diese Menschen denn nun?

In meiner Freizeit bin ich Botschafter einer inklusiven Tanzgruppe. Menschen mit und ohne Behinderung machen Showtanz auf Profi-Niveau. Wer da behindert ist oder nicht, spielt im Training keine Rolle. Nun gut, fast keine. Wer aufgrund von Lähmungen halt nicht springen kann, der muss nicht springen - auch wenn es alle anderen tun. Aber es wird kein Drama draus gemacht. Niemand tröstet ihn, niemand hält Händchen, niemand packt ihn in Watte und bemuttert ihn. Kann halt nicht springen. Wie auch, mit dieser Behinderung. Down-Syndrom? Na und? Thema Ende.

Ich glaube, das ist beste Inklusion: Kein Drama drum machen, aber Rücksicht zeigen, wenn nötig. Und Behinderte einfach völlig normal behandeln, wann immer es geht. Man versetze sich als nicht-behinderter Menschen einmal in deren Lage: Würden Sie voller Mitleid tausendmal darauf aufmerksam gemacht werden wollen, dass Sie nicht laufen können? Nein, oder?

Und Wortkonstruktionen wie "Menschen mit Teilhabeeinschränkungen" sind da nur Krücken für Nicht-Behinderte, um Behinderten zu zeigen, dass man etwas für total nicht schlimm hält, was aber für den Betroffenen vielleicht doch schlimm ist. Oder auch eben auch nicht. Aber das soll er selber sagen.

Die eindrucksvollste Szene aus meiner Tanzgruppe: Die Tanzgruppe macht etwas falsch. Der Trainer sagt im Scherz: "Ey, seid Ihr behindert?" Und ein Junge mit Down-Syndrom antwortet: "Na klar! Siehste doch!" Ich war kurz schockiert. Und musste dann herzlich lachen.

21.12.2017, 21:23 Uhr
Über den Autor
Stefan Bergmann Chefredakteur bei der EZ seit: 2014